{"id":84,"date":"2011-11-06T14:29:00","date_gmt":"2011-11-06T14:29:00","guid":{"rendered":"https:\/\/strauchcomposer.de\/?p=84"},"modified":"2022-02-01T15:06:16","modified_gmt":"2022-02-01T15:06:16","slug":"textvertonungen-flussrichtungen-komponistentypen-versoehnungstopoi-zeitlaeufte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/strauchcomposer.de\/index.php\/2011\/11\/06\/textvertonungen-flussrichtungen-komponistentypen-versoehnungstopoi-zeitlaeufte\/","title":{"rendered":"Textvertonungen-Flu\u00dfrichtungen-Komponistentypen-Vers\u00f6hnungstopoi-Zeitl\u00e4ufte"},"content":{"rendered":"\n<p>Eine kleine Kontroverse mit Johannes Kreidler veranlasst mich, mir mal wieder Gedanken \u00fcber die Komposition mit Texten, zu, \u00fcber, von Texten zu machen, landl\u00e4ufig \u201evertonen\u201c genannt. Schon dieser erste Satz bringt mich ins Stolpern. Vertonen \u2013 ein Wort, das nach Erde, Dreck, Schmutz, Kot klingt. Nicht vergolden, versilbern, versch\u00f6nern. Auch wenn Komponisten dies gerne so sehen.&nbsp;<br><\/p>\n\n\n\n<p>Vertonen: ist das nicht Lehm, den man zu T\u00f6pferware brennt? Das w\u00e4re wohl verbrennen zu nennen. Verfl\u00fcssigt ein Komponist Wort-T\u00f6pferware zur\u00fcck zu Lehm? Damit w\u00e4re es erledigt und man wendet sich besser reiner Instrumentalmusik zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Vertonen: andere K\u00fcnste werden in Musik \u00fcberf\u00fchrt, mit Musik versehen. Klassische Rhetorik und Dialektik wurden als Formschemata zu Liedform, Sinfonie und Sonate, diese mit weiteren Formen gekreuzt, gekoppelt, schliesslich aufgel\u00f6st. Eine entfernte Ahnung dieser alten Matrizen findet sich selbst in formfreisten St\u00fccken der Jetztmusik wieder. Sie sind freie Formen, also m\u00fcssen sie sich von etwas Vorgegebenen absetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Philosophie oder Theoreme, mathematische Formeln als Vorlagen f\u00fcr Musik. Im weitesten Sinne kann man hier doch auch von Vertonung sprechen? Nat\u00fcrlich bezieht man sich damit nicht auf die alte Rhetorik, m\u00f6chte besonders durch den Bezug auf andere Wissenschaften deren musikalischen Ausw\u00fcchsen klassisch-romantischer-fr\u00fchmoderner Provenienz aus dem Weg gehen. Besonders \u201eSyntax\u201c und \u201eGrammatik\u201c im konventionellen Stil wird verlassen, oder man erhebt andere Logarithmen denn sprach\u00e4hnliche zur formalen Grundlage.<\/p>\n\n\n\n<p>Streng betrachtet sind wir bisher vom Wort nicht losgekommen. Wort, Nicht-Wort, Statt-Wort. Aber Wort bleibt Wort, wie losgel\u00f6st man sich davon bewegt: Musik scheint eine morphologische Basis zu brauchen, zu ben\u00f6tigen, zu m\u00fcssen, die aus der Auseinandersetzung mit Sprache und deren immer sprachferneren anderen Wege, die aber ohne den Ausgangspunkt Sprache nicht denkbar sind, von ihr wegentwickelt worden sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Gr\u00fcnde sich von der Sprache zu entfernen gibt es zuhauf: die Emanzipation der Musik von ihr selbst, die generelle Emanzipation verschiedenster Parameter innerhalb der Musik, eine gewollte Entemotionalisierung von Musik besonders in Abh\u00e4ngigkeit und Doppelung von Sprache. Irrwitzig muss einem dagegen der Weg der Filmmusik erscheinen: sie erzeugt die Emotionen zum bewegten Bild, wo diesem an ihnen mangelt, er es nicht schafft sie hervorzurufen. Das ist nat\u00fcrlich meist kunstgewerblicher Alltag. Dagegen setzt intelligent eingesetzte Musik zu bewegten Bildern andere Bilder im Kopf frei, erzeugt fremde Gef\u00fchlslagen, die dem Film erst nicht entspringen. Oder sie verh\u00e4lt sich wie ein Chor, ein Kommentar. Wie oben Wort Wort blieb, bleibt hier allerdings Emotion Emotion.<\/p>\n\n\n\n<p>Also meidet sich vom Wort immer weiter absetzende Musik wohl auch Film und Emotion, strebt hin zu sich verabsolutierender Musik. Dies ist ihr aber nur eine kurze Zeit m\u00f6glich! Wie empfindsam kommen uns heute ars-nova-Chansons, Josquin-Motetten, Bach-Fugen vor. Wie stark wurde moderne, Neue Musik selbst zum Klischee zu bewegten Bildern, besetzt dort die Extreme von sch\u00f6pfungsakt\u00e4hnlicher Klarheit oder diffusester Verwirrung. Dennoch gibt es die Chance emanzipatorischen, erstmal wahrnehmungs-wertfreien avancierten Davonpreschens.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie es sich heute allerdings als reine Selbstgeisselung anf\u00fchlt, in diese Richtung zu arbeiten, setzt sich selbst noch vor einigen Jahren Abstraktion versprechende technikverpflichtete Musik mit Fragen der Wahrnehmung auseinander. Nicht unbedingt in direkter Verwertung, sondern in Brechung diverser Erwartungen. So wird komplexes Langdauerndes pl\u00f6tzlich in ein Knackger\u00e4usch gestaucht. Oder nur noch Fremdes, nicht mehr selbst Komponiertes auf einer neuen Ebene komponiert, oft durch elektronische Vehikel, so dass der sch\u00f6pfender Komponist, der theorem- und theoriefirme, immer mehr in den Hintergrund tritt, das Konzept an Gewicht gewinnt. Das bringt Musik heute viel n\u00e4her an extreme Bildende Kunst heran als sie sich noch in der N\u00e4he von Literatur und Film w\u00e4hnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Extremfall ist zu sagen: nicht Komponisten sondern Institutionen komponieren, der Komponist f\u00fchrt je nach seiner konzeptaffinen Bewusstseinslage nur noch aus, wenn er es nicht schafft, als Person auch ein f\u00fchrender Akteur des Produktionsprozesses zu sein. Da helfen ihm auch nicht Ausrufe wie: ohne mich g\u00e4be es gar kein Werk, was wiederum Arbeitspl\u00e4tze schafft. Vielmehr begibt er sich doch in Suche nach Wirkfeldern in die Vorgaben von Institutionen, wei\u00df er mehr oder minder bewusst, was diese an T\u00f6nen von ihm erwarten. Und je mehr er meint, sich bewusst als Bestandteil der Kreativwirtschaft zu f\u00fchlen zu m\u00fcssen, um so mehr wird er zum Prekariat, wie es haufenweise Designer, Architekten, Schauspieler, Autoren schon sind. Mag er zuvor immer schon weniger verdient haben als diese, war er doch unabh\u00e4ngiger, autarker, gerade vielleicht aufgrund seiner Unbekanntheit, des Inkomensurablen seiner Kunst wegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um beim Bild fl\u00fcssige Erde zu festem Steingut zu bleiben: es komponieren nicht nur die Institutionen, nein, sie vertonen, vert\u00f6nern, versteinern den Komponisten. Wer soll dies aushalten? Grob eingeteilt vielleicht drei grundverschiedene Typen: der Autarke, gnadenlos Unabh\u00e4ngige um den Preis bedingungsloser Unbekanntheit. Jetzt werden viele sagen: ich bin es doch schon immer! Da kann man nur antworten: bitte die Reihenfolge der Binnenstruktur des vorletzten Satzes beachten, nochmal zum Mitschreiben: Autark, Unabh\u00e4ngig, Bedingungslos, Unbekannt. Also nicht das Pferd von hinten aufz\u00e4umen: nur weil man weiten Kreisen nicht bekannt ist, wird man dies kaum freiwillig bedingungslos machen, es sei denn, man besch\u00f6nigt sich seine Bedeutungslosigkeit, was einen aber nicht als sozial unabh\u00e4ngige Person auszeichnet, geschweige denn von geistiger Autarkie sprechen l\u00e4sst. Diese erreicht man nur, geht man z.B. den Weg eines Charles Ives und lebt nicht von Musik, und zwar bedingungslos! Das verbietet auch das Dasein als Instrumentalist, als Musikp\u00e4dagoge, als Kompositionsprofessor. Man ist in all diesen Bereichen nicht unabh\u00e4ngig, ist die Gefahr von Musikbetriebsfrust in den nebenberuflich als begrenzte Erholung nicht gebannt, ja weht doch bei viel zu Vielen der musikalisch prek\u00e4r besch\u00e4ftigten Menschen der Genauigkeitsfetisch, den sie dem Tonsatzlehren schulden. Das ist hart und ungerecht, das verdient tats\u00e4chlich Solidarit\u00e4t, Mitleid, Piet\u00e4t. Aber weit und breit kein Bankier Ives. Selbst ein Sch\u00f6nberg, der seine kaufm\u00e4nnische Lehre abbrach, w\u00e4re als komponierender Kaufmann wohl unabh\u00e4ngiger, autarker gewesen als er es als stets Unterrichtender war. Man vergisst immer, wie er nach seinem Aufbruch in die Atonalit\u00e4t von den Sch\u00fclern Berg und Webern schnell eingeholt, an Radikalit\u00e4t \u00fcberfl\u00fcgelt worden ist. Von diesen Dreien war letzten Endes nur der wirtschaftlich famili\u00e4r abgesicherte Berg der wirklich Autarke, Webern in seiner bizarren inneren Emigration sp\u00e4ter vielleicht dann \u00e4hnlich, anders, verdingt als namenloser Arrangeur, Rosenz\u00fcchter, Chorleiter, ohne Hoffnung auf Karriere in diesen Bereichen, somit wirklich autark.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie sieht es heute mit Autark, Unabh\u00e4ngig, Bedingungslos, und sehr wohl Bekannt aus? Das ist und bleibt ein Ger\u00fccht, ein R\u00e4tsel! In der Neuen Musik jedenfalls gibt es solche Gestalten nicht mehr, sp\u00e4testens seit Stockhausens Tod. Wobei sich bei ihm die Frage stellt, ob er nicht dem dritten Typus angeh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuvor ein Blick auf den zweiten Typen!<\/p>\n\n\n\n<p>Das sind Menschen, die sehr wohl wissen, wie sie eingebunden sind, nicht unabh\u00e4ngig, nicht autark. Das macht sie nicht ber\u00fchmt, das Bekenntnis, darum zu wissen w\u00fcrde ihnen vielmehr schaden \u2013 glaubt doch alle Welt offizielle an das Konstrukt des Autarken, Unabh\u00e4ngigen, Bedeutungslosen, Bekannten und m\u00f6chte darin nicht gest\u00f6rt werden. Sie sind aber zumindest nicht unbekannt, wenn auch nur im kleinen Ma\u00dfe. Er wei\u00df zum Beispiel, wo sein Platz im Gef\u00fcge einer Musikhochschule ist, f\u00fcllt diesen anst\u00e4ndig aus, strebt aber in diesem Bereich aber nicht nach Erf\u00fcllung. Vielmehr wei\u00df er, wie er sich den komponierenden Institutionen zu stellen hat, l\u00e4sst sich nicht vertonen, versteinern, geht ihnen im Zweifelsfalle aus dem Weg oder springt nicht verzweifelt in jede Stipendien- und Wettbewerbsnische, l\u00e4sst nur selten seine H\u00fcllen fallen. Er kennt den Kern seiner Begabung, sucht im Strome des Aktuellen nach Aufgreifbaren, setzt sich von diesem Fluss auch mal ab. Vor allem geht er nicht zugrunde, wenn er den Kern seines K\u00f6nnens in ungew\u00f6hnlichen Terrains entwickeln muss. Auch hier weiss er, dass er sich nicht auffressen lassen darf. Und das ist doch das Problem vieler Teilzeittheoretiker, Zweidrittelfilmkomponisten und Vollzeitdozenten: sie werden von ihren sie finanziell aushaltenden Metiers aufgefressen. Sie organisieren sich st\u00e4rker und bewusster als die Unbekannten-Abh\u00e4ngigen. Sie wollen Produktionserfahrungen ihrer Jobausfl\u00fcge in den Bereich der Neuen Musik, der Ernsten Musik mitnehmen. Aber auch sie sind im Zuge des Broterwerbs zu bedingt an ihre Geldquellen gefesselt. Das sollten sie nie vergessen. Und weil sie doch wissen, wie Institutionen komponieren, werden sie von ihren eigenen Institutionen versteinert. Nat\u00fcrlich haben sie mittelfristig mehr Erfolg als die anderen Kollegen, bev\u00f6lkern fleissig beide Metiers, sind aber auf Dauer wie die Dritte Migrantengeneration weder da noch dort zuhause. Etwas besser ergeht es den Musizierenden, Dirigierenden. Sie stecken immerhin fest im Bereich der Klassik und der Neuen Musik drinnen. Sie kriegen mit, wie es gut und schlecht sein kann, sich Institutionen anzupassen. Sie haben aber auch genug Erfahrung, um einigermassen mit diesen Einrichtungen auf Augenh\u00f6he zu verhandeln und nicht als Fremdk\u00f6rper zu wirken. Sie leben allerdings in der Gefahr, das Erleben als einigermassen erfolgreicher Musiker auf ihr Komponieren zu \u00fcbertragen und so spielende Unterhaltung mit dialektischem Entertainment zu verwechseln. So wundert es nicht, wenn ihre Musik sehr geschliffen, gut spielbar ist, diese und sie selbst die Eloquenz eines Teilnehmers des Literarischen Quartetts ausstrahlen. Doch Beliebtheit beim Publikum macht nicht unbedingt ihre geschriebene Musik wertvoller. Nur wenige haben genug dadaistische-pianistisch-diebische Freude, die Dinge ins Extrem zu treiben oder die Grenzen ins Poppige und streng Theoretische wie so mancher verquerer Zupfer aufzuweichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der dritte Typus ist nun wie die Hausmarke Stockhausen. Komponist, Lehrer, Produzent, Verleger. Das Ziel muss es in der Institutionen-komponieren-Zeit sein, selbst immer wieder tempor\u00e4r oder irgendwann dauerhaft zu seiner eigenen Institution zu werden. Das unterwirft einen zwar dennoch den Zw\u00e4ngen des Betriebs. In Teilen kann man sich aber heraushalten. Wichtig ist es, nicht alles aus einer Hand zu erhalten, einer Hand zu schulden. Dennoch muss es gelingen, in allen voneinander getrennten Welten, auf denen man sich bewegt, seinen Kern zu bewahren, sich selbst aus den unterschiedlichen Feldern heraus zu befruchten, das Geldverdienen als Anregung f\u00fcr k\u00fcnstlerisches Schaffen zu nehmen, sch\u00f6pferische Dienstleistung in strenge Materialsicht einfliessen zu lassen, selbst im Kunstgewerblichen das Unerwartete zu suchen. Das macht einem nat\u00fcrlich immer noch nicht zu einem neuen Karlheinz! Solche Zeiten sind einfach momentan zu weit entfernt, zeigt sich keine so existentielle Krise \u2013 selbst die Finanzkrise nicht \u2013, die zu total zerst\u00f6rten Verh\u00e4ltnissen f\u00fchren. Man vergesse nicht den Leidensdruck, den eine so totale Zerst\u00f6rung und Vertreibung wie Nazizeit und Weltkrieg erst erschaffen mussten, welcher die M\u00f6glichkeit zu Br\u00fcchen und neuen, sehr klaren Ideen mit komplexen Wirkungen f\u00fchrten. Heute ist Alles \u2013 hoffentlich kritische \u2013 Weiterentwicklung der Wegweisungen jener Zeiten nach dem Weltkrieg. Es wird immer das Ende der Neuen Musik und ihrer Einrichtungen beschworen. F\u00fcr mittlere und kleinere sowie sich nicht weiterentwickelnde Institutionen mag das stimmen. So zielt es immer mehr auf den Selbstproduzierenden ab, wenn er nicht mehr produziert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Und darin liegen seine neuen M\u00f6glichkeiten! Nicht auf Auftr\u00e4ge warten, nein, sie sich selbst verschaffen! So karg dieses Wirtschaften erstmal bezahlt sein mag, so sehr man andere Jobs annehmen muss, am besten weit von der Musik entfernt, um nicht in sich nur wieder schwer zu durchbrechende Betriebshierarchien verstrickt zu sein, so unabh\u00e4ngig ist, sind die Grundlagen f\u00fcr eine gewisse Autarkie gelegt. Dadurch wird man wirklich jobschaffender Teil der Kreativwirtschaft. Weil man sich st\u00e4ndig neu erfinden muss, um interessant zu bleiben, um selbst Spass am Schaffen zu haben, so m\u00fchsam, hamsterradartig dies ist, kommt man auf neue Ideen. Die sind nat\u00fcrlich nicht immer so einzigartig. Sie wissen aber auch, woher sie kommen, wohin sie gehen. Da man selten absolut alleine arbeitet, entsteht Neues eher im Kollektiv, in Konkurrenz zu anderen Selbstproduzierenden. So dreht man aber am grossen Rad einer gemeinschaftlichen Weiterentwicklung. Das macht einen vielleicht weniger solit\u00e4r bedeutend, weniger zum alten Originalgenie, das man nat\u00fcrlich immer noch vorgaukeln muss. Nat\u00fcrlich entkommt man so nicht unbedingt zur G\u00e4nze den Institutionen. Man kann aber indirekt wie in sich immer h\u00e4ufiger abzeichnende partizipativen Weichenstellungen an der Ausgestaltung mitwirken. Bezeichnend ist, dass das Partizipative aus der Bauplanung kommt, nicht aus dem Prozess k\u00fcnstlerischer Unikatarbeit. So sehr das Architekten ihre Projekte verhageln mag, so breit werden Betroffene beteiligt, befruchtet dies \u00fcber den etwas ungl\u00fccklichen Begriff Wutb\u00fcrger weiterhin die Organisation der Gesellschaft: nicht mehr allein Einstellung und Haltung, also Ideologie entscheiden, sondern Betroffenheit im rechtlichen Sinne. Das klingt abstrakt, langweilig, entemotionalisiert, aber dennoch modern integrativ.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht also immer darum, wie man etwas fl\u00fcssig h\u00e4lt, macht. Ob man den Strom erstmal mitschwimmt, um ihn dann zu verlassen oder doch dagegen anzuschwimmen. Dies geht aber nur durch bewusstes Beteiligen und nicht Selbstausschluss. Das klingt nach weniger Ausdruck, weniger Emotionalit\u00e4t. Dies erfordert aber um so mehr einen bewussten Umgang mit Wahrnehmung, Emotionserzeugung. Dies schliesst Ber\u00fchrung, Anteilnahme und weitere expressive Qualit\u00e4ten alten Stils nicht aus. Sie sind allerdings nicht mehr die Hauptmotoren der Kunst. Es mag direkt Mitleid erzeugt werden, es geht aber darum, warum es \u00fcberhaupt dazu kommt, wie es oder wie es eben nicht \u00fcberwunden werden kann. Und wie es doch in eine Form, in ein st\u00fcckimmanentes Ritual kommen kann. Fragt man Menschen, wo sie im Wozzeck die gr\u00f6sste R\u00fchrung empfinden, heisst es meist bei Maries Bibellesung zu Beginn des Dritten Aktes, ihrer Ermordung oder dem Zwischenspiel. Konventionell betrachtet ist das verst\u00e4ndlich, treffen sich hier vokaler Verismo und instrumentaler Jugendstil. Die modernste Wirkung in der Doppelung von direkter Anr\u00fchrung durch das einsame, verlassene Kind, die schliessenden, beruhigenden G-D Quinten der Streicher, die gnadenlos weiterziehenden Ganztonschaukelkl\u00e4nge der Bl\u00e4ser: das ist der Schlussklang, jeder Bestandteil in seiner stilistischen Bedeutung, dennoch schlicht, fast zur\u00fcckhaltend. Dies wirkt wie eine Stele, die mahnt, auf die man aber auch klettern kann, wie jene merkw\u00fcrdig anziehende Abweisung des Berliner Holocaustmahnmals: so peinlich die touristische, freudige Vereinnahmung erst sein mag, andenkensch\u00e4ndend das laszive R\u00e4keln auf den Steinen, so nah bringt es Lebende und Tote wieder zusammen, kann Mahnmal sein oder doch nur eine geheimnisvolle Wegmarke, die aber nicht abst\u00f6sst. Und doch steckt auch das anthropolgische Auftrumpgen drinnen, wie im Monolith in Kubricks Odyssee, vor dem der Knochen ins All \u00fcber die Jahrmillionen zur Raumfahrt geschleudert wird. Also auch drei Bedeutungen, fremd, unvereint, unr\u00fchrig, widerspruchsfordernd und in der G\u00e4nze doch einen merkw\u00fcrdig dichten Ausdruck erzeugend.<\/p>\n\n\n\n<p>So tritt \u00fcber Wozzeck wieder das Vertonen von Text in den Vordergrund: selten fand sich eine gl\u00fccklichere F\u00fcgung von Szene, Musik und Text wie in Bergs B\u00fcchnerumsetzung. Den Woyzecktext selbst bog sich Berg aber doch gewaltig zurecht, nahm nicht R\u00fccksicht auf die sprachtheatrale Einrichtung, trieb das Blech in die Form seiner Musik. Diese Literaturbearbeitung nahmen immer wieder Komponisten und Librettisten zum Anlass, Literatur direkt zu vertonen, zu veropern, ohne eine Umdichtung wie z.B. Verdi mit Boito noch von Shakespeare vornahm. Wohl des Schauspiels \u00fcberdr\u00fcssig f\u00fchrte dies auch zur Vertonung im szenischen Sinne von k\u00fcrzerer Literatur oder Romanen wie z.B. Franz Kafka. Das hat bei den entsprechenden Komponisten garantiert zu Musiken gef\u00fchrt, von denen sie erst angesichts der durchlebten Texte, ja fast durchlittenen, wussten. Je freier sich die Musik der Vorlage annahm, sie aufbrach, sich langsam n\u00e4herte, um so ehrlicher der Umgang mit der Literatur. Nachdem es doch gemeinhin schwer zu singende, also schwerverst\u00e4ndliche Umsetzungen waren, wirft sich die Frage nach anderen Textumgang auf. Denn so erscheint einem heute als Literaturvertonung immer noch Henzes Ode an den Westwind am Ehrlichsten, wo der Text nur vom Cellosolo gegen das Orchester, ohne Worte \u201egesungen\u201c wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun stellt sich auch die Frage, warum man eigentlich einen so grossen Respekt vor Texten haben muss, wo doch andere Kollegen gerade unter Berufung auf die heutigen gigantischen technischen M\u00f6glichkeiten, das massenhafte, hochproblematische Nutzen von musikalischen Fremdmaterial \u00fcblich ist. Da d\u00fcrfte ein urheberrechtsfreier Kafka doch kein Problem sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Macht man es sich einfach, l\u00e4sst sich das mit Generations- und Geschmacksfragen beantworten. Doch man sollte es sich schwerer machen! Wichtig ist immer, wie bewusst emanzipiert sich die Musik der Texte, der hohen Literatur annimmt. Gerade wenn man kaum noch was von der Vorlage versteht, kann man mit einer hohen Eigenst\u00e4ndigkeit der Musik im Verh\u00e4ltnis zum Text positiv unterstellen. Entscheidend werden signalhafte Floskeln sein, die ein dekonstruierendes Verstehen zwischen Text- und Musikfetzen erm\u00f6glichen, besonders wenn sie im gewohnten Sinne von Textvertonung, Affektumsetzung nicht korrelieren, sich nicht doppeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Der riskantere Weg ist nat\u00fcrlich Ton und Musik wieder in Eins zu setzen. Das setzt sich utopischen Anspr\u00fcchen aus, die so ungreifbar sind, wie die Harfenkl\u00e4nge zu den Epen Homers. Gerade das macht solche Musik wieder angreifbar, setzt sie dem Vorwurf von Naivit\u00e4t zurecht aus. Der H\u00f6rer wird es ihr danken, der einfache allemal. Die Frage ist und bleibt: wo findet man f\u00fcr seine Zeit des Schaffens die gewisse Merkw\u00fcrdigkeit, die Text und Musik wieder in eine Schieflage versetzt. Die kann nach zwanzig Jahren pl\u00f6tzlich genauso verflogen sein wie bei Homer, wie bei der avanciertesten Musik, die zum Filmklischee gerinnt, der Schreibtechnik die Unterrichtsgegenstand wird, PR-Gags, die die Hochkultur erobern, strukturelle \u00c4nderungen, die andere K\u00fcnste l\u00e4ngst hinter sich haben, der Neuen Musik erst Jahre sp\u00e4ter das Leben schwer machen. Und so kann urpl\u00f6tzlich etwas ein einfaches Lied sein, was Jahre zuvor als unh\u00f6rbar galt, wie es heute uns mit Ferneyhough und Lachenmann z.B. ergeht, die allm\u00e4hlich konsumerabel sind wie Rihm immer sein wollte. Und ein zum Zeitpunkt der Entstehung einfaches Lied dr\u00fcckt pl\u00f6tzlich die Komplexit\u00e4t seiner Entstehungszeit aus.<\/p>\n\n\n\n<p>So konnte ich in meinem J\u00e4ger Gracchus mich von Wortlosigkeit zu Wortfetzen zu Liedhaftem zu Tango durcharbeiten, simpel und ungebrochen, nur dass Frauen die Worte eines Mannes singen, so liess ich mir 2011 banale Politschlagwortreime dichten, um eine winzige H\u00f6lderlinbriefstelle in Bezug zu Angela Merkel &amp; Co. setzen zu k\u00f6nnen. So muss in Kreidlers feeds h\u00f6ren tv Tristan zu Gameboykl\u00e4ngen sterben, l\u00f6st der zumindest angek\u00fcndigte authentische Tinnitus eine gewisse Anteilnahme aus, beeindrucken die simplen fiddle-object Wort-zu-Klavierclustertonlagen Frau Merkels. Wie bekommt man die entsprechenden T\u00f6ne, kurz und knapp, lied\u00e4hnlich, songartig zur Schraffierung der eigenen Zeitl\u00e4ufte hin? Das bleibt die eigentliche Frage. Und ob Wort oder Musik und wie und wann, das ist ein technisches Problem, allerdings auf Existenzniveau, mit so wachen Ohren und Augen wie nur m\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p>Alexander Strauch<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine kleine Kontroverse mit Johannes Kreidler veranlasst mich, mir mal wieder Gedanken \u00fcber die Komposition mit Texten, zu, \u00fcber, von Texten zu machen, landl\u00e4ufig \u201evertonen\u201c genannt. Schon dieser erste Satz bringt mich ins Stolpern. Vertonen \u2013 ein Wort, das nach Erde, Dreck, Schmutz, Kot klingt. Nicht vergolden, versilbern, versch\u00f6nern. 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