{"id":82,"date":"2011-11-02T14:28:00","date_gmt":"2011-11-02T14:28:00","guid":{"rendered":"https:\/\/strauchcomposer.de\/?p=82"},"modified":"2022-02-01T15:06:24","modified_gmt":"2022-02-01T15:06:24","slug":"simongarfunkel-in-der-musica-viva","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/strauchcomposer.de\/index.php\/2011\/11\/02\/simongarfunkel-in-der-musica-viva\/","title":{"rendered":"Simon&#038;Garfunkel in der musica-viva"},"content":{"rendered":"\n<p>Das&nbsp;allererste &#8222;richtige&#8220; musica-viva-Ereignis unter dem neuen&nbsp;Programmchef Winrich Hopp startete nicht nur mit dem bisher \u00fcblichen&nbsp;Freitags-Orchesterkonzert im Herkulessaal, sondern g\u00f6nnte sich&nbsp;zus\u00e4tzlich noch zwei&nbsp;Kammerkonzerte in der Allerheiligenkirche der&nbsp;Residenz. Bis auf einen (von Schweinitz) waren alle Komponisten&nbsp;bereits verstorbene Klassiker.<\/p>\n\n\n\n<p>John&nbsp;Cage umklammerte die beiden Abende. Sein \u201eEighty\u201c (1992) f\u00fcr&nbsp;achtzig Orchestermusiker musizierte das BR-Sinfonieorchester fast&nbsp;ohne Dirigent David Robertson. Es folgte 40 Minuten einer sichtbaren&nbsp;Stoppuhr. Die gab&nbsp;Jedem den Freiheitsrahmen f\u00fcr die auf nur einem&nbsp;Notenblatt notierten wenigen zu spielenden T\u00f6ne. Man lie\u00df sich auf&nbsp;ein Geflecht von Ruhe und Obert\u00f6nen ein. Danach \u00fcberw\u00e4ltigten&nbsp;Henri Pousseurs \u201eCouleurs crois\u00e9es\u201c (1967).&nbsp;In jeder Note&nbsp;verbarg sich das afroamerikanische Protestlied \u201eWe shall overcome\u201c.&nbsp;Bis dieses offen ert\u00f6nte, quirlte es Pousseur seriell wie suggestiv&nbsp;durch Debussy, Wiener Schule, Messiaen und Boulez. Man vernahm&nbsp;postmodernen Pluralismus ohne tonale Anbiederung.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Luciano&nbsp;Berios \u201eSinfonia\u201c (1968) ist ebenfalls radikal, sogar klarer und&nbsp;strenger im Verschneiden von zeitgeistigen Polit- und&nbsp;Philosophenstatements in acht Gesangsstimmen \u2013 grossartig die&nbsp;Synergy Vocals \u2013 mit Neuer Musik&nbsp;und dem Vollzitat des Scherzos der&nbsp;zweiten Sinfonie Gustav Mahlers. W\u00e4ren hier Understatement und&nbsp;kr\u00e4ftiger verst\u00e4rkte S\u00e4nger (Elektronik: Stockhausen-Sohn Simon)&nbsp;gefragt, walzerte Kapellmeister Robertson als d\u00fcrfte er&nbsp;sich im&nbsp;Jugendstil verlieren. Kein Wunder, dass man falsch \u201eHey Mrs.&nbsp;Robinson\u201c von Simon&amp;Garfunkel assoziierte, als ein S\u00e4nger&nbsp;Thank you gepaart mit dem Namen des jeweiligen Taktschl\u00e4gers zu&nbsp;sagen hatte. Nahtlos folgte&nbsp;Charles Ives&#8216; \u201eThe unanswered Question\u201c&nbsp;(1908). W\u00e4re dies st\u00e4rker durch theatrale Mittel unterst\u00fctzt&nbsp;worden, w\u00e4re es weniger unmotiviert gewesen. Ausserdem war das&nbsp;Orchester nach den Hochkonzentratoren Cage und&nbsp;Pousseur leicht&nbsp;ermattet und intonierte nicht ganz sauber.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Den&nbsp;Abend in der Allerheiligenkirche bestritten und programmierten&nbsp;eigenst\u00e4ndig BR-Orchestersolisten: Henrik Wiese (Fl\u00f6te), Stefan&nbsp;Schilli (Oboe), Sebastian Klinger, (Violoncello) und Frank&nbsp;Reinecke (Kontrabass) mit&nbsp;Solowerken f\u00fcr ihre Instrumente. Harte&nbsp;Kost bot die Urauff\u00fchrung von Wolfgang von Schweinitz. Sein&nbsp;\u201ePlainsound Counterpoint \u2013 Seven 23-limit Harmony Intonation&nbsp;Studies\u201c war zwar perfekt ausgeh\u00f6rt, klang aber in jedem&nbsp;St\u00fcck&nbsp;gleich, als ob er in all den Obert\u00f6nen die \u00dcbersicht einer klaren&nbsp;Morphologie seines Materials verloren h\u00e4tte. Brian Ferneyhoughs&nbsp;\u201eCassandra\u2019s Dream Song\u201c f\u00fcr Fl\u00f6te, ein etliche neue Spiel-&nbsp;und Satztechniken auslotendes&nbsp;knapp zehnmin\u00fctiges Werk, Komponist&nbsp;wie St\u00fcck sonst Konzertschrecken, \u00fcberzeugte noch vor Bernd Alois&nbsp;Zimmermanns ultraschwerer Sonate f\u00fcr Cello solo und Luciano Berios&nbsp;\u201eSequenza VII\u201c f\u00fcr Oboe, die mit der Rolle&nbsp;dieses Instruments&nbsp;als Kammertongeber virtuos spielte. Im zweiten Teil rundete sich die&nbsp;Cage-Hommage: war die Akustik der Allerheiligenkirche f\u00fcr die&nbsp;anf\u00e4nglichen Solost\u00fccke ab der zehnten Reihe problematisch,&nbsp;funktionierten hier die im Raum verteilten Instrumente.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Letztlich&nbsp;klappte die Anlage beider Abende. Hoffentlich werden die Musiker aber&nbsp;nicht immer so krass gefordert, dass ihnen gerade zum zweiten Teil&nbsp;des Orchesterabends die Puste wegbleibt. Ausserdem verdient Neue&nbsp;Musik&nbsp;immer beste Musiker, S\u00e4nger und Dirigenten. Wie hervorragend&nbsp;die BR-Musiker sind, erlebte man am Solo-Abend. Solche Musiker, das&nbsp;anspruchsvolle Publikum, die Tradition der Konzertreihe wie die&nbsp;Komponisten haben&nbsp;allerdings bessere Dirigenten verdient wie jetzt&nbsp;pr\u00e4sentiert. Ausserdem ist ein Orchesterneuling eines lebenden&nbsp;Komponisten Pflicht. So f\u00fchlte man sich wie im Jurassic Park der&nbsp;Neuen Musik.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Alexander&nbsp;Strauch<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das&nbsp;allererste &#8222;richtige&#8220; musica-viva-Ereignis unter dem neuen&nbsp;Programmchef Winrich Hopp startete nicht nur mit dem bisher \u00fcblichen&nbsp;Freitags-Orchesterkonzert im Herkulessaal, sondern g\u00f6nnte sich&nbsp;zus\u00e4tzlich noch zwei&nbsp;Kammerkonzerte in der Allerheiligenkirche der&nbsp;Residenz. Bis auf einen (von Schweinitz) waren alle Komponisten&nbsp;bereits verstorbene Klassiker. John&nbsp;Cage umklammerte die beiden Abende. Sein \u201eEighty\u201c (1992) f\u00fcr&nbsp;achtzig Orchestermusiker musizierte das BR-Sinfonieorchester fast&nbsp;ohne Dirigent David Robertson. Es folgte [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-82","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-blog"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/strauchcomposer.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/strauchcomposer.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/strauchcomposer.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/strauchcomposer.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/strauchcomposer.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=82"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/strauchcomposer.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":117,"href":"https:\/\/strauchcomposer.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82\/revisions\/117"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/strauchcomposer.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=82"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/strauchcomposer.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=82"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/strauchcomposer.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=82"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}