{"id":78,"date":"2011-09-11T14:25:00","date_gmt":"2011-09-11T14:25:00","guid":{"rendered":"https:\/\/strauchcomposer.de\/?p=78"},"modified":"2022-02-01T15:06:39","modified_gmt":"2022-02-01T15:06:39","slug":"aus-der-ferne-i-souvenirs-de-mauricio-sotelo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/strauchcomposer.de\/index.php\/2011\/09\/11\/aus-der-ferne-i-souvenirs-de-mauricio-sotelo\/","title":{"rendered":"Aus der Ferne I &#8211; Souvenirs de Mauricio Sotelo"},"content":{"rendered":"\n<p>Manchmal denke ich an Mauricio Sotelo. Ich sollte dies viel \u00f6fters tun, denke ich danach. Sotelo ist ein Mann, ein Komponist, der mir Pfade im heutigen Schreiben aufzeigte, deren Faden ich immer erst sp\u00e4ter aufnahm. 1998 in Donaueschingen erlebte ich sein Klavierkonzert &#8222;Al fuego, el mar&#8220;. Als frischer Kompositionsstudent in Frankfurt machte ich mit meinen Kompositions-Kommilotonen jene Exkursion. Man diskutierte \u00fcber Vieles der damaligen Musiktage, nur um Sotelos und Christian Wolfes St\u00fccke windete man sich herum. &#8222;Al fuego, el mar&#8220; fiel wohl &#8211; mir sehr positiv &#8211; aus dem ewigen Neuen-Musik-Duktus der anderen Werke heraus. Es wurde als &#8222;impressionistisch&#8220;, ein b\u00f6ses deutsches Komponistenschimpfwort, bezeichnet. Es impressionierte, spielte offen mit Energetik, als h\u00e4tte der Komponist an den Wurzeln reiner Musikalit\u00e4t genippt. Ich studierte in Frankfurt brav weiter, nuckelte am Busen hehrer Kompositionstechniken, trunken vergass ich im Theoriedelirium meine musikalischen Wurzeln.&nbsp;<br><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Jahr sp\u00e4ter meldete sich die M\u00fcnchener Biennale bei mir: man brauche Hilfe bei der Fertigstellung der Partitur von Sotelos &#8222;De Amore&#8220;. Man bestellte mich auf das Abbruchgel\u00e4nde der Alten Messe. Nach \u00dcberwindung einiger Abrissbirnen, endlich im &#8222;Congresszentrum&#8220;, eine wahrliche Nierentischhalle im Stile der F\u00fcnfziger Jahre. Drohte mir hier purer Serialismus? Ein wenig wohl schon, was sich da an Tabellen und Abl\u00e4ufen zeigte, die zusammenzusetzen waren, eine theoretische Multibrust, avanciert, wie es einem Nono-Erben zukommt. Bald zeigte sich aber ungewohnte Offenheit: \u00fcber dieser instrumentalen Strenge, der trotz Listen was organisches anhaftete, zeigte sich s\u00e4ngerische Spontaneit\u00e4t. Vormittags Notennahrung, Kompilierung der instrumentalen Schicht, nachmittags Musik und Gesang: Die S\u00e4ngern der Hauptpartie zeigte vor dem Mittagessen ihre Stimmk\u00fcnste, Sotelo formte daraus und dem Text eine Kantilene, derweil das Team speiste. Dies wurde sofort einstudiert, abends szenisch ausgebaut. In der zweiten Woche kam dann die \u00dcberraschung der jungen, flotten Flamencos\u00e4ngerinnen hinzu, die ihren traurigen Gesang \u00fcber und zwischen die komplexen Strukturen pflanzten &#8211; pl\u00f6tzlich bl\u00fchte eine unerh\u00f6rte Welt von Volksmusik und Neuer Musik auf.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Projekt war mir klar, dass strukturelle Solit\u00e4re zwar wichtig und gerne auch adornitisch richtig sind. Dennoch braucht es Leben, Musikalit\u00e4t. Diesen Schatz konnte ich heben, als ich endlich die Zither nach 2000 kennenlernte, man las es bereits letztes Jahr im Blog. Strukturkomposition und Musikspontaneit\u00e4t gingen hier f\u00fcr mich Hand in Hand. Lustigerweise f\u00fchrte dann die volksmusikfreie Auseinandersetzung mit der Zither zu einer Herbheit, wie ich sie mit bestem Theoriewissen nie h\u00e4tte zustande bringen k\u00f6nnen. Und dies fesselt mich nun heute, am Er\u00f6ffnungstag der Klangspuren an meinen Schreibtisch, muss ein Zitherwettbewerbsst\u00fcck fix fertig werden, nicht zu herb, wie man mir sagte. So denke ich andauernd an Sotelo, h\u00e4tte dies wirklich \u00f6fters tun sollen, wie brillante Technik und Musikalit\u00e4t zusammengehen k\u00f6nnen. Nat\u00fcrlich gibt es immer die Gefahr, das das Musikantische dominiert, das St\u00fcck ins Kippen ger\u00e4t, so dass wieder ein Gestrenger &#8222;Impressionistengefahr&#8220; ruft! Aber lieber diese Gefahr, als struktureller Pixeldschungel, dessen B\u00e4ume man vor lauter Waldung nicht sieht noch h\u00f6rt. So m\u00f6ge Euch in Schwaz heute &#8222;Waldung, sie r\u00fcckt heran&#8220; sein: faustische Strenge mit Verve des Flamencos&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Alexander Strauch&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal denke ich an Mauricio Sotelo. Ich sollte dies viel \u00f6fters tun, denke ich danach. 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