{"id":74,"date":"2011-07-02T14:22:00","date_gmt":"2011-07-02T14:22:00","guid":{"rendered":"https:\/\/strauchcomposer.de\/?p=74"},"modified":"2022-02-01T15:06:54","modified_gmt":"2022-02-01T15:06:54","slug":"persische-trilogie-teil-ii-neda-der-ruf-die-stimme-entwurf-eines-musiktheaters","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/strauchcomposer.de\/index.php\/2011\/07\/02\/persische-trilogie-teil-ii-neda-der-ruf-die-stimme-entwurf-eines-musiktheaters\/","title":{"rendered":"Persische Trilogie Teil II &#8211; NEDA der Ruf\/die Stimme &#8211; Entwurf eines Musiktheaters"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Dies&nbsp;<\/strong><strong>ist die Geschichte zweier iranischer Frauen des 21. Jahrhunderts: wie&nbsp;<\/strong><strong>2009 w\u00e4hrend der sogenannten unterdr\u00fcckten \u201eGr\u00fcnen Revolution\u201c Neda Agha-Soltan ihr Leben im \u00f6ffentlichen Raum verlor und zur M\u00e4rtyrerin wurde, wie Neda Soltani ihr Gesicht im Internet abhanden kam und ihre Existenz in der Heimat einb\u00fcsste.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Einleitung<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dreh-&nbsp;und Angelpunkt ist ein Passfoto der lebenden Neda Soltani, welches im \u00dcberschlag der damaligen Ereignisse via Facebook weltweit irrt\u00fcmlich zum Konterfei der M\u00e4rtyrerin wurde und zum Symbol, zum optischen Ruf, zur stummen Stimme der gescheiterten Protestbewegung gegen das Regime wurde, obwohl die Familie der Toten wenige Tage sp\u00e4ter ein richtiges Bild ver\u00f6ffentlichte. Fatalerweise gleichen sich die zwei Fotos im schnellen Internet-Klick-Blick, f\u00fcr eine Richtigstellung war es zu sp\u00e4t war.<\/p>\n\n\n\n<p>Als&nbsp;Komponist bin ich schon immer daran interessiert, nichtmusikalisches Material im wahrsten Sinne des Wortes zu vertonen, reizt es mich, aus dieser Bild\u00e4hnlichkeit der beiden Iranerinnen Klang zu gewinnen. Bisher versuchte ich z.B. f\u00f6rmlich buchst\u00e4blich aus den einzelnen Lettern T\u00f6ne zu gewinnen wie in \u201eMenschenSchneiden\u201c f\u00fcr Computerchor und Instrumente oder setzte wie in der Boxoper \u201eJoe&amp;Max\u201c Text zu Audiobildern um, aus denen ich mit einem \u201eMidistift\u201c auf zeichnerischer Ebene wieder komplexe Kl\u00e4nge gewann (mit der Opensource-Applikation \u201escoreextractor\u201c). Zuletzt arbeitete ich an einer \u201eWeltbox\u201c, welche jede Art von Audiosignalen mit dem gemeinfreien MaxMsp-\u00c4quivalent \u201ePureData\u201c durch ein spezifisches Differenztonharmonik- und Rhythmussetting in Frequenzen als Klang und Melodie verwandelt.<\/p>\n\n\n\n<p>So&nbsp;begann ich die \u00e4hnlichen Fotos der beiden Nedas, welche ich im Internet fand, \u00fcber ihre Farbwerte in Klang zu verwandeln. Und h\u00f6re da, sie sehen nicht nur \u00e4hnlich aus, in Musik klingen beide Bildaufnahmen fast gleich. In \u201eNEDA \u2013 Die Stimme\/Der Ruf\u201c \u2013 nichts anderes bedeutet persisch \u201eNeda\u201c im Deutschen \u2013 wird die umw\u00e4lzende Chance wie existenzbedrohliche Gef\u00e4hrlichkeit der freiwilligen Datenpreisgabe in sozialen Netzwerken wie eben \u201eFacebook\u201c mit den Mitteln der Musikelektronik performativ anhand der Kreuzung der Lebenswege von Neda und Neda untersucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits&nbsp;nach dem Sturz des Schahs kam ich mit Kindern geflohener Iraner in der Grundschule in Kontakt. So bewegen mich als Fremden immer wieder die Ereignisse in Persien, f\u00fcr Musik und Literatur immer wieder eine Nahtstelle zwischen Ost und West. Besonders das poetische Werk des Hafis und dessen \u00dcbersetzungen ins Deutsche weckten das Interesse bereits der Klassiker, wie z.B. Goethe im \u201ewest-\u00f6stlichen Diwan\u201c. Ich komponierte angesichts der Exekutionsanstiegs junger Homosexueller in 2005 den bisher unaufgef\u00fchrten ersten Teil meiner \u201ePersischen Trilogie\u201c als Kantate nach einer Ghasele Hafis&#8216; in der \u00dcbertragung von Friedrich R\u00fcckert. Mit dem zweiten Teil m\u00f6chte ich den beiden Nedas ein Denkmal setzen. Der dritte Teil nach Motiven der antiken Begegnung griechischer und persischer Kultur ist hoffentlich besseren Zeiten im Iran vorbehalten.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Die&nbsp;<\/strong><\/em><em><strong>Ambivalenz sozialer Netzwerke<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Seit&nbsp;Einf\u00fchrung des Internets sind \u201eSoziale Netzwerke\u201c innerhalb der ersten zehn Jahre des 21. Jahrhunderts die Austauschorte menschlicher Kommunikation rund um den Globus geworden. Die \u201eDatenautobahn\u201c der neunziger Jahre f\u00fchrte direkt in das \u201eglobal village\u201c. Trotz des Platzens der Dotcomblase im M\u00e4rz des Jahres 2000 und immer wieder auftauchenden Problemen mit dem Umgang von im Netz preisgegebenen Daten scheinen viele Menschen grunds\u00e4tzlich dem Internet gegen\u00fcber positiv in ihrer Kommunikationsfreude eingestellt zu sein. Seit \u201emyspace\u201c ist zur Zeit \u201eFacebook\u201c seit seiner Gr\u00fcndung 2004 das meist genutzte soziale Netzwerk. Zwar wird die darin von jedem Nutzer nach vorgegebenen Mustern individuell vorgenommene Datenpreisgabe unterschiedlich bewertet und die seitens Facebook vorgenommene Weiterverwertung dieser Informationen an Dritte scharf kritisiert. Wenn der Staat von uns Daten abspeichern m\u00f6chte, biometrische Bilder verlangt oder unsere digitalen Bewegungen verfolgen will, berufen wir uns auf das Grundrecht der \u201einformatiellen Selbstbestimmung\u201c, erstreiten gerichtlich kleine oder grosse Erfolge gegen ihn. Gegen\u00fcber Facebook gibt es immer wieder Boykottaufrufe. Im Gegensatz zum Staat wird dieses von uns nur unerheblich juristisch belangt. Die meisten Menschen bleiben dem Netzwerk unkritisch treu. Andererseits werden viele kritisch zu bewertende Neuerungen von Facebook schnellstm\u00f6glich durch die Nutzer-Community aufgesp\u00fcrt und Mittel dagegen innerhalb der Netzwerkeinstellungen im Zuge von Mundpropaganda von User zu User weitergegeben. Die aktive Aus\u00fcbung der informationellen Selbstbestimmung funktioniert hier als starkes Selbstregulativ.<\/p>\n\n\n\n<p>Der&nbsp;Alltag der Kommunikation ist nicht anders als die eines Marktplatzes, einer Kantine oder eines Vereins. H\u00f6flichkeiten und Befindlichkeiten werden gewechselt, Angaben zu selbst banalsten Verrichtungen werden gepostet, Familienfotos um die halbe Welt ausgetauscht, Sexabenteuer verabredet oder direkt vor Webcams nur virtuell verbunden vorgenommen, das neueste niedliche Katzenvideo auf Youtube wird verbreitet. Es gibt auch N\u00fctzlicheres: Lehrer weisen auf Stundenplanwechsel hin, Musiker laden zu Konzerten ein, besonders unter K\u00fcnstlern werden via Facebook Kontakte gepflegt und Projekte geplant. So spart man sich lange Telefonate, teure SMSen und Emailverteiler. F\u00fcr Viele einsehbare und doch wenige betreffende Informationen werden verbreitet wie am Schwarzen Brett eines Discounters, die momentane Schnelligkeit und Offenheit dieses Datenflusses scheint un\u00fcbertrefflich zu sein. Diese Offenheit hat allerdings auch eine Kehrseite der Medaille. Personen werden blossgestellt, falsche Informationen werden verbreitet, selbst beim Suizid wird online zugeschaut. Allerdings ist das im Medienzeitalter auch nichts Neues, kennt man dies schon lange vom guten, alten Fernsehen. Nur geschieht es im sozialen Netzwerk nicht mehr durch \u00f6ffentliche oder private TV-Stationen. Dies ist nun jedem Nutzer in einem gewissen Ma\u00dfe m\u00f6glich, wenn er die \u201eNetiquette\u201c massiv verletzt.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Die&nbsp;<\/strong><\/em><em><strong>beiden Nedas<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Neben&nbsp;dem allt\u00e4glichen Gebrauch von \u201eFacebook\u201c in all seinen Facetten hat sich dieses soziale Netzwerk in Verbindung mit Twitter zum globalen Hauptinformationsmittel im Zuge der Umw\u00e4lzungen im Nahen Osten bew\u00e4hrt. Es spielte soeben im Winter 2011 eine herausragende Rolle bei der Verabredung zu Demonstrationen und internationalen Verbreitung von Menschenrechtsverletzungen w\u00e4hrend der Revolutionen in Tunesien und \u00c4gypten. Zuvor spielte \u201eFacebook\u201c w\u00e4hrend der sogenannten \u201eGr\u00fcnen Revolution\u201c im Juni 2009 eine \u00e4hnliche herausragende Rolle. Einerseits wurde \u201eFacebook\u201c vor den Demonstrationen 2009 genauso allt\u00e4glich mit seinen beiden Kehrseiten benutzt wie in der sonstwo auf der Welt. Andererseits gewann dieser virtuelle Raum mit seinen Nischen und L\u00fccken gegen\u00fcber dem weitestgehend durch das iranische Regime repressiv kontrollierten \u00f6ffentlichen Raum eine ungeahnte Sprengkraft zur Organisation der Proteste. W\u00e4hrenddessen kam es um den 20. Juni 2009 zu einer traurigen Verkn\u00fcpfung der allt\u00e4glichen Schattenseiten wie seiner politischen M\u00e4chtigkeit im Falle der Frauen Neda Agha-Soltan und Neda Soltani.<\/p>\n\n\n\n<p>Neda&nbsp;Agha-Soltan wurde wohl durch ein Mitglied der Basidschi-Milizen als Unbeteiligte w\u00e4hrend einer Demonstration in Teheran erschossen. Die Szenen danach sind z.T. auf einem kurzen Video dokumentiert. Es ist zu sehen, wie sie in den Armen ihrer Angeh\u00f6rigen stirbt, ihre letzten Worte werden mit \u201eich verbrenne\u201c \u00fcberliefert. Von der Sterbenden kursierte blitzschnell ein Video auf Youtube durch Facebook verkn\u00fcpft um die ganze Welt. Sie wurde sofort zur M\u00e4rtyrerin der damaligen Proteste.Somit zeigten die sozialen Netzwerke ihre starke Seite. Beunruhigt durch die Meldungen \u00fcber den Tod von Neda Agha-Soltan schrieb eine amerikanische Journalistin auf Facebook alle Frauen an, deren Namen dem Neda Agha-Soltans \u00e4hnelte. So nahm sie auch Kontakt mit Neda Soltani auf. Erstaunlicherweise war diese lebendige Neda Dozentin an derselben Hochschule, an der die verstorbene Neda zeitgleich studierte. Die Journalistin wurde durch die Lebenszeichen von Neda Soltani beruhigt. Sie f\u00fcgte sie als Freundin ihrem Profil hinzu.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Orakelhaftes<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Hier&nbsp;begann sich Facebook undurchschaubar, wie ein Orakel f\u00fcr die lebende Neda zu entwickeln. War f\u00fcr sie das Leben als Frau im Iran als hochschulisch ausgebildete Dozentin relativ angepasst, erfolgreich verlaufen, tat sich nun ein Spalt auf. Das bisher genutzte soziale Netzwerk, eigentlich nicht anders als im Alltag der westlichen Welt, einen kleinen privaten Freiraum auf die Welt er\u00f6ffnende, entwickelt eine nicht mehr bremsbare Eigendynamik, versagt die unmittelbare Freundescommunity als Selbstregulativ, greift sie die lebende Neda sogar an: Die Community glaubt endlich ein Bild der M\u00e4rtyrerin verf\u00fcgbar zu haben. Was Neda Soltani zur R\u00fcckerlangung ihres Gesichts im Internet versucht, f\u00fchrt sie immer weiter weg von ihrem bisherigen, normalen iranischen Leben. Das gerade noch so offene, kommunikationsfreudige soziale Netzwerk wird zu einem dunklen, nicht mehr einsch\u00e4tzbaren Medium. Es ist so, als ob in der zivilisierten Globalgesellschaft, an der die lebende Neda durch Facebook ihren Anteil hatte, f\u00fcr sie durch ihren Gesichtsverlust das Urgef\u00fchl der archaischen Unsicherheit des vorgeschichtlichen Menschen wiederkehrt, sich die Technik nicht mehr kontrollierbar sondern auratisch verh\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als&nbsp;Passfoto zeigt es eine Frau, jung einzusch\u00e4tzen, geschminkt, die Augenbrauen gezupft, mit einem dunklen Kopftuch die Haare umh\u00fcllt, der Haaransatz gerade so frei, wie es die strengen Bekleidungsregeln des iranischen Regimes erlauben. Durch \u00fcberhastete Kommunikation und Nichtkontrolle der Herkunft mutierte das Bild der Lebenden \u2013 wie durch eine unvollst\u00e4ndige, ger\u00fcchtef\u00f6rdernde Fl\u00fcsterpost geschleust \u2013 zum Bild der M\u00e4rtyrerin. Voice of America und CBS \u00fcbernahmen sofort dieses Konterfei, es folgten weltweit fast alle relevanten Nachrichtenmedien. Neda Soltani versuchte sofort bei den Sendern durch Emails den Irrtum zu revidieren, drang damit aber zuerst nicht durch. So wurde ihr Bild als das der Toten immer weiterverbreitet. Auf Facebook wurde sie gar von eigenen Landsleuten und Fans der M\u00e4rtyrerin angefeindet. So l\u00f6schte sie ihr Facebookbild, was nun erst recht Verschw\u00f6rungstheorien in Umlauf setzte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die&nbsp;Familie der toten Neda ver\u00f6ffentlichte zwar wenige Tage sp\u00e4ter ein echtes Bild der Get\u00f6teten, was die Lage aber nicht aufkl\u00e4rte, da die darauf abgelichtete Frau bei schnellen Hinsehen dem Bild der Lebenden in Schleier, Mimik und Schminke sehr \u00e4hnlich sieht. Bald interessierte sich das Regime f\u00fcr diesen Nebenschauplatz der Protestwelle und bedrohte die lebende Neda. Schlie\u00dflich floh Neda Soltani aus dem Iran und lebt jetzt als Fl\u00fcchtling in Deutschland. Wenig sp\u00e4ter gab es Richtigstellungen durch die Urheber der Verwechslung. Dennoch kursiert immer noch das Foto der Lebenden als das der Toten, ist aufgrund der dramatischen Umst\u00e4nde die einmal in Gang gekommene Entwicklung im sozialen Netzwerk durch das Individuum kaum mehr zu kontrollieren, gar umzukehren: Die Lebende verlor ihr Gesicht im virtuellen, die Get\u00f6tete ihre Existenz im \u00f6ffentlichen Raume.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Umsetzung<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Hier&nbsp;eine erste Skizze! Ausgangspunkt f\u00fcr die musikalische und k\u00fcnstlerische Umsetzung dieser Verwechslung ist nicht nur die optische sondern auch die akustische \u00c4hnlichkeit der beiden Passfotos. L\u00e4sst man das opensource Kompositionsprogramm \u201ePureData\u201c mit seiner Bildfunktion \u201eGem\u201c die Farbwerte messen und \u00fcbersetzt die Ergebnisse durch Obertonmultiplikatoren in Frequenzen, klingen beide Bilder identisch als kalter, dennoch sch\u00f6ner mikrotonaler Sinusklang. Dies ist gleichsam der \u201eakustische Beweis\u201c f\u00fcr das augenscheinliche Verwechslungspotential der beiden Nedas. Das ist das optische wie akustische Grundmaterial. Mehr als der Gleichklang der Passfotos des verlorenen Lebens und des abhanden gekommenen Gesichts sind f\u00fcr den hiesigen Menschen in dreidimensionaler Vorstellung nicht nachzuvollziehen. So ist zu fragen, wie wir mit dem Grundmaterial umgehen k\u00f6nnen, wie wir uns auf dem virtuellen Marktplatz, der Online-Ger\u00fcchtek\u00fcche verhalten.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Der&nbsp;<\/strong><\/em><em><strong>Ablauf<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dazu&nbsp;wird von jedem Besucher der Auff\u00fchrung vor Beginn seitens des Personals ein Foto aufgenommen. Aus dessen Farbwerten wird erstmal ein Klangprofil \u00e4hnlich dem der beiden Nedas erstellt. Im Sinne einer \u201ebiometrischen Komposition\u201c werden allerdings auch Daten wie das Geburtsdatum, die K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe, etc. erhoben. Diese dienen als weitere Frequenzmodulatoren f\u00fcr Lautst\u00e4rkeunterschiede, gewisse Filter, etc. und erzeugen so statt dem nackten Sinusklang der beiden Iranerinnen ein ausdifferenziertes Klangprofil der real anwesenden Person. Nach der Auff\u00fchrung kann sich jeder Zuschauer sein Klangprofil anh\u00f6ren und mit nach Hause nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben&nbsp;dem Klangprofil sollen die Besucher einen Fragebogen auf\u00fcllen. Der erfasst ihre Meinung zur Bedeutung sozialer Medien f\u00fcr sich selbst wie die politische Entwicklung, wie sie die Erhebung der Klangdaten finden, was ihnen zu Iran bzw. Persien einf\u00e4llt, ob sie Menschen aus diesem Kulturkreis pers\u00f6nlich kennen, ob sie schon einmal bewusst oder unabsichtlich ein Ger\u00fccht in die Welt gesetzt haben und dessen Folgen miterlebten, ob sie schon einmal jemand \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum mit einer anderen Person verwechselt haben und ggf. noch einige weitere zu entwickelnde Fragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine&nbsp;wundersch\u00f6ne Tradition im Iran ist das orakelhafte Vorhersagen der Zukunft aus den Versen des Hafis. An seinem Grab in Schiraz lassen Frauen die Besucher per Zufall eines seiner Gedichte ausw\u00e4hlen, lesen es vor und deuten daraus die Zukunft der ausw\u00e4hlenden Person. Im Laufe der Auff\u00fchrung werden einige dieser Verse den Stationen bzw. Farben zugeordnet zuf\u00e4llig ausgew\u00e4hlt und in der deutschen R\u00fcckert\u00fcbersetzung vorgelesen. Dies geschieht zu Live-Elektronik: das Sprachsignal wird in Tonsignale verwandelt, die zu Kl\u00e4ngen nach einem farbkapitelfixen Differenztonharmonik- und Rhythmussetting zu Musik moduliert werden. Vor dem Epilog, wenn weder die Nachrichtenmedien noch die Verehrer der Toten der Lebenden ihr Gesicht belassen wollen, werden Antwortausz\u00fcge aus den Frageb\u00f6gen zuf\u00e4llig ausgew\u00e4hlt und der Orakel-Live-Elektronik vorgelesen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>A:&nbsp;<\/strong><strong>Prolog<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zu&nbsp;Beginn der Auff\u00fchrung werden die verschieden t\u00f6nenden Klangprofile und aufgenommenen Fotos der Anwesenden eingespielt, bis die Bilder der beiden Nedas gleichartig erklingen. Es stellt sich die Frage, warum ihnen die Lebendigkeit der Anwesenden fehlt. Die unvollst\u00e4ndigen Kl\u00e4nge der beiden Frauen werden durch den Bericht ihrer Lebenswege erg\u00e4nzt. Nachdem die Farbwerte der Bilder das Grundmaterial sind, geschieht dies in \u201eFarbkapiteln\u201c, die immer wieder durch \u201eOrakel-Intermezzi\u201c unterbrochen werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>B:&nbsp;<\/strong><strong>Farbkapitel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>1.)&nbsp;<\/strong><strong>Wei\u00df: \u00f6ffentlicher Platz im Nahen Osten im gleissendem Tageslicht<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das&nbsp;Treiben auf einem Basar bzw. auf einer lebendigen Strasse.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>&#8211;&nbsp;<\/strong><strong>Hafisorakel 1<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>2.)&nbsp;<\/strong><strong>Rot I: Der Alltag einer modernen Iranerin<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Einschr\u00e4nkungen&nbsp;in der \u00d6ffentlichkeit, fast westliches Privatleben mit globalen Kontakten durch soziale Netzwerke.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>3.) &nbsp;<\/strong><strong>Gr\u00fcn: Beginn der \u201eGr\u00fcnen Revolution\u201c im Sommer 2009<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die&nbsp;manipulierte Wiederwahl Ahmedinedschads, die einsetzenden Proteste gegen Wahlf\u00e4lschungen, die gro\u00dfen Massendemonstrationen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>&#8211;&nbsp;<\/strong><strong>Hafisorakel 2<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>4.)&nbsp;<\/strong><strong>Rot II: Neda Agha-Soltan verliert ihr Leben auf der Strasse<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sie&nbsp;ist Beifahrerin in einem PKW, Steckenbleiben in der Demonstration, der t\u00f6dliche Schuss, ihr Sterben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>5.)&nbsp;<\/strong><strong>Blau: Neda Soltani verliert ihr Gesicht auf Facebook<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die&nbsp;Recherche der amerikanischen Journalistin, der Facebookkontakt, das Foto der Lebenden wird zum Bild der Toten, das L\u00f6schen des Fotos, das Bild der Toten, nochmals die fl\u00fcchtige \u00c4hnlichkeit der beiden Bilder.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>&#8211;&nbsp;<\/strong><strong>Hafisorakel 3<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>6.)&nbsp;<\/strong><strong>Schwarz: Die Bedrohung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die&nbsp;Lebende erlangt ihr Gesicht nicht wieder, die Tote darf nicht richtig bestattet werden, Angriffe der Verehrer der Toten gegen die Lebende, Repressalien durch das Regime, Flucht aus dem bisherigen Leben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>&#8211;&nbsp;<\/strong><strong>Fragebogenintermezzo<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Aus&nbsp;dem Haufen der ausgef\u00fcllten Frageb\u00f6gen wird zuf\u00e4llig ausgew\u00e4hlt, wie zu den Hafisorakeln werden sie zu Live-Elektronik verlesen, deren Kl\u00e4nge sich \u00fcberschlagen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>C)&nbsp;<\/strong><strong>Epilog: Der Teppich<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die&nbsp;beiden Neda-Bilder werden nach dem akustischen Gleichklang des Prologs jetzt auch optisch zu einem Foto gemorpht. Die einzelnen Bildteile werden durch die vor der Auff\u00fchrung aufgenommenen Zuschauerfotos ausgepixelt; daraus und aus den Neda-Kl\u00e4ngen sowie den individuellen Klangprofilen der Zuseher wird gleichsam ein Bild- wie Klangteppich gewebt.<br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Versuchsanordnung&nbsp;<\/strong><strong>des Gleichklangs<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im&nbsp;Internet wurde nach den Bildern der beiden Nedas gesucht. Zuerst wurde das Bild der Lebenden Neda Soltani, welches ihr abhanden kam, mit PureData analysiert. Darauf das der Toten, das ihre Familie wenige Tage nach dem Tod ver\u00f6ffentlichte. Als Farbwerte erwiesen sich am brauchbarsten Rot, Gr\u00fcn und Blau. Analog zum Gedanken, dass man hier nur das Todesdatum bzw. den Tag des Bildverlusts kennt, die Besucher der Auff\u00fchrung aber mit ihren Geburtsdaten erfasst werden sollen, sind hier die ersten Mikrot\u00f6ne des Obertonspektrums ausgew\u00e4hlt worden, die von der gebr\u00e4uchlichen Gleichtemperierung abweichen: Die Naturterz als 5. Oberton (weicht nur geringf\u00fcgig, dennoch h\u00f6rbar zu tief ab), die Natursept als 7. Oberton (weicht erheblich st\u00e4rker zu tief ab) und die Naturundezim als 11. Oberton (weicht einen Viertelton zu tief ab). Die Farbwerte weichen mit je 99, 96 bzw. 100 kaum voneinander ab. So kommt es zum Gleichklang der beiden verschleierten, sich in nur wenigen Lebensjahren unterscheidenden, einem einheitlichen Sch\u00f6nheitsideal unterworfenen Nedas. Dass individuelle Fotos als Klang sehr wohl sich voneinander unterscheiden k\u00f6nnen ist den beiden folgenden Fotos von mir und meinem Vater zu entnehmen, auf denen wir beide in etwa Anfang dreissig gewesen sind. Als Multiplikatoren dienten die Geburtsdaten, was die Unterschiedlichkeit per se noch verst\u00e4rkt, die Farbwerte schwanken zwischen 94 und ca. 96. Auf der beigef\u00fcgten CD sind die Klangbeispiele zum Vergleich h\u00f6rbar.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20210517115530im_\/http:\/\/www.strauchcomposer.de\/download\/neda01.png\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20210517115530\/http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=aeWfboBBkOw\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Die Lebende, 11., 7. und 5. Oberton (die ersten Mikrot\u00f6ne) als Multiplikator<\/a><br><br><br><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20210517115530im_\/http:\/\/www.strauchcomposer.de\/download\/neda02.png\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20210517115530\/http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=p-FhWhcgcqg\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Die Tote, 11., 7. und 5. Oberton (die ersten Mikrot\u00f6ne) als Multiplikator<\/a><br><br><br><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20210517115530im_\/http:\/\/www.strauchcomposer.de\/download\/neda03.png\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20210517115530\/http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=GS9nTTlKoIo\">Alexander Strauch, ich selbst, mein sechsstelliges Geburtsdatum (22.,12., 71) als Obertonmultiplikator<\/a><br><br><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20210517115530im_\/http:\/\/www.strauchcomposer.de\/download\/neda04.png\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20210517115530\/http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=i_Xt7z2jn9s\">Franz Strauch, mein Vater, sein sechsstelliges Geburtsdatum (29., 07., 30.) als Obertonmultiplikator<\/a><br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das&nbsp;<\/strong><strong>Live-Elektronik-Orakel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dieses&nbsp;wird im Grundaufbau der Weltbox nachempfunden sein. Ein live gesprochenes oder gesungenes Audiosignal wird in PureData von einem Midisignal in ein Frequenzsignal mutiert. Dieses wird multipliziert mit einem abgesteckten Randommetrum, das entweder melodische oder harmonische Ereignisrahmen ausl\u00f6st. Somit entsteht ein St\u00fcck, dass einerseits seine innere Vorgaben hat, dennoch von immer unterschiedlichen externen Einfl\u00fcssen ist, die mal h\u00f6her, mal tiefer, mal leiser, mal lauter, mal Sprache, mal Musik oder nur der Hauch eines Atems sein k\u00f6nnen. Zwei Screenshots mit Audiobeispielen der Weltbox sind angef\u00fcgt. In \u201eNeda\u201c wird das Setting nun den Farbkapiteln angepasst, so dass trotz unterschiedlicher Hafislesungen aus dem entsprechenden Verskapitelpool eine gewisse Grundaura gewahrt sein soll wie eben z.B. die Atmosph\u00e4re eines lebendigen \u00f6ffentlichen Raumes oder einer Privatheit oder eines Existenzverlusts.<br><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20210517115530im_\/http:\/\/www.strauchcomposer.de\/download\/neda05.png\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20210517115530\/http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=V84MVOXG_wc\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Weltbox &#8222;Andachtsjodler\u201c<\/a><br><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20210517115530im_\/http:\/\/www.strauchcomposer.de\/download\/neda06.png\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20210517115530\/http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=4avdtJl8Wpc\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Weltbox mit \u201eIsarm\u00e4rchen\u201c<\/a><br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aufbau&nbsp;<\/strong><strong>der Auff\u00fchrung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im&nbsp;Eingangsbereich werden die Zuschauer fotografiert und der Fragebogen erhoben. Im Mittelpunkt der Spielfl\u00e4che steht eine Projektionswand, davor Positionen f\u00fcr die Darstellerinnen und Musiker, f\u00fcr das Live-Elektronike-Orakel. Die Story selbst wird anhand von Bildern und Filmfragmenten aus dem Internet bildlich realisiert. Dazu singen und sprechen die Darstellerinnen gesungene und gesprochene Texte wie Originalworte der Sterbenden, Zeugenaussagen, ver\u00f6ffentlichter Emailverkehr auf Facebook, Interviewausschnitte sowie live zuf\u00e4llig ausgew\u00e4hlte Frageb\u00f6gen und Hafis-Gedichte. Weitere Mittel sind Licht und Kost\u00fcme f\u00fcr das Personal, das erst die Daten erhebt und sp\u00e4ter zur Performance macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Alexander Strauch<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dies&nbsp;ist die Geschichte zweier iranischer Frauen des 21. Jahrhunderts: wie&nbsp;2009 w\u00e4hrend der sogenannten unterdr\u00fcckten \u201eGr\u00fcnen Revolution\u201c Neda Agha-Soltan ihr Leben im \u00f6ffentlichen Raum verlor und zur M\u00e4rtyrerin wurde, wie Neda Soltani ihr Gesicht im Internet abhanden kam und ihre Existenz in der Heimat einb\u00fcsste. Einleitung Dreh-&nbsp;und Angelpunkt ist ein Passfoto der lebenden Neda Soltani, welches [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-74","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-blog"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/strauchcomposer.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/74","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/strauchcomposer.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/strauchcomposer.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/strauchcomposer.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/strauchcomposer.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=74"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/strauchcomposer.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/74\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":75,"href":"https:\/\/strauchcomposer.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/74\/revisions\/75"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/strauchcomposer.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=74"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/strauchcomposer.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=74"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/strauchcomposer.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=74"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}