{"id":72,"date":"2011-07-02T14:21:00","date_gmt":"2011-07-02T14:21:00","guid":{"rendered":"https:\/\/strauchcomposer.de\/?p=72"},"modified":"2022-02-01T15:07:01","modified_gmt":"2022-02-01T15:07:01","slug":"nudel-menschenopfer-neue-kammeropern-im-juni-2011-in-muenchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/strauchcomposer.de\/index.php\/2011\/07\/02\/nudel-menschenopfer-neue-kammeropern-im-juni-2011-in-muenchen\/","title":{"rendered":"Nudel-&#038; Menschenopfer &#8211; Neue Kammeropern im Juni 2011 in M\u00fcnchen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alles&nbsp;neu macht der Mai \u2013 falsch! Dieses Jahr war es der Juni, der mit zwei Opernurauff\u00fchrungen protzte. Das Adevantgarde-Festival endete mit Urauff\u00fchrung der M\u00e4rchenoper \u201eVersprochen, Froschk\u00f6nig, versprochen!\u201c als Kollektivkomposition, drei Wochen sp\u00e4ter g\u00f6nnten sich die M\u00fcnchener Opernfestspiele \u201eMake no noise\u201c des tschechischen Newcomers Miroslav Srnka.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gemeinsam&nbsp;ist beiden Urauff\u00fchrungen die Exotik des Spielorts: Das Adevantgarde-Festival, mit bescheidenen Finanzen ausgestattet, stemmte sein Finale in Kooperation mit der Regieklasse der Musikhochschule in der Reaktorhalle Ecke Luisen-\/Gabelsbergerstrasse, die Staatsoper lie\u00df ihr K\u00fcken im Pavillon 21 MINI Opera Space am Marstallplatz, ihrem Hinterhof, schl\u00fcpfen. Zudem st\u00fctzten sich die Texte beider Opern auf bestehende Vorlagen. Birgit M\u00fcller-Wieland machte aus dem Grimmschen \u201eFroschk\u00f6nig\u201c ein hinreissendes, zeitgem\u00e4\u00df reimendes deutschsprachiges Libretto, Tom Holloway destillierte aus dem Film \u201eThe secret life of words\u201d von Isabel Coixet einen unaufgeregten, pr\u00e4zisen Text in Englisch. Und in beiden St\u00fccken spielt Pasta eine Rolle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im&nbsp;klassischen Sinne begreifen die zwei Opern sich als \u201emoralische Anstalt\u201c, f\u00fchrt menschliches Ungl\u00fcck durch dessen Ertragen und L\u00f6sung unerwartet zum pers\u00f6nlichen Gl\u00fcck. Im Froschk\u00f6nig muss die Prinzessin den gr\u00fcnen H\u00fcpfer als ihren Freund aushalten, weil er ihre goldene Kugel aus dem Brunnen rettete und sie ihm ein neues Leben versprach. Ihre Geduld wird paradoxerweise durch ihre Ungeduld belohnt: sie knallt das Tier gegen Wand und h\u00e4lt danach einen sch\u00f6nen Prinzen an der Hand, der obendrein noch mit seinem treuen Diener Heinrich gl\u00fccklich vereint wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das&nbsp;Risiko der Vertonung teilte das Adevantgarde-Festival durch drei. Den ersten Teil komponierte solide, kindgerecht der Frankfurter Professor Gerhard-M\u00fcller Hornbach. Ergiebiger und theatraler war der Beitrag der jungen Tirolerin Manuela Kerer. In absurd \u00fcberzeichneter Klang- und Stimmf\u00fchrung japsten und juchzten singendes K\u00fcchengeschirr, tanzte Pasta Hip-Hop, bevor sie schmachtend ins Nudelwasser sprang. In menschlichen Dialogen ger\u00e4t Kerer allerdings schnell an ihre Grenzen. Dies gelang im Schlussteil dem M\u00fcnchener Johannes Schachtner. In einem Intermezzo zwischen Hornbach und Kerer liess er bereits Heinrich, den treuen Diener des noch zu erl\u00f6senden Prinzen, in Variationen \u00fcber das Lied \u201eIn einem k\u00fchlen Grunde\u201c romantisch seufzen. Im polystilistischen Finale unterbrach Schachtner den Tonfluss mit \u00fcberraschenden Pausen, als horchten die Erl\u00f6sten noch ungl\u00e4ubig ihrem neuen Gl\u00fcck nach. Die Regie (Igor Pison) verundeutlichte mit unn\u00f6tigen Umdeutungen das Geschehen: aus singenden B\u00e4umen des Librettos wurden Reporter, die Goldene Spielkugel-Requisite der Prinzessin wurde zu einer Frau. Dagegen zeigte das Studentenensemble mit Florian Drexel, Katharina Preu\u00df und Bonko Karadjov in den Hauptrollen unter dem Dirigat von Ulrich Nicolai sein vielversprechendes K\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Make&nbsp;no noise \u00fcberspitzt seine Vorlage durch vereinfachende Akzente, die der Oper aber helfen. Hanna ist geh\u00f6rlos und stottert. Im Film wird sie von ihrem Fabrikboss in den Urlaub geschickt, in der Oper wird ihr gek\u00fcndigt. Genauso tritt in der Oper die \u00c4rztin Inge von Anfang an in Erscheinung, mit der Hanna telefonieren will, doch stumm wieder auflegt, ist der Bohrinselchef ein autistischer, wellenz\u00e4hlender Wissenschaftler. Nach der K\u00fcndigung pflegt Hanna als Bohrinselkrankenschwester das Brandopfer Joseph. Dem unterstellt die Inselcrew, den Feuertod seines italienischen Kollegen verursacht zu haben, weil er mit dessen Frau eine Aff\u00e4re hatte. Zur Strafe serviert ihm der Koch Pasta schon zum Fr\u00fchst\u00fcck. Nur der Wellenz\u00e4hler-Autist Martin sagt Hanna die Wahrheit: der eifers\u00fcchtige Italiener z\u00fcndete sich selbst an. Aufgew\u00fchlt outet sich Hanna Joseph, getarnt als Erlebnisse einer Freundin: sie ist selbst ein Folteropfer, konnte jene Freundin nicht vor dem Tod retten. Hanna begibt sich zur \u00c4rztin Inge, eine Hommage an die folteropferheilende d\u00e4nische Pyschologin Inge Genefke. Auf der Suche nach Hanna findet der wieder sehende Joseph dorthin. Als die \u00c4rztin seine ehrlichen Gef\u00fchle f\u00fcr Hanna und beider verschiedene, aber verbindende Traumata sieht, l\u00e4sst sie ihn zu ihr. Geheilt von ihren seelischen Wunden, geniessen sie ihre neue Zweisamkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Miroslav&nbsp;Srnka setzte in der Vertonung alles auf eine Karte: die Genese reinen Gesangs. Zuvor beginnt er aber mit H\u00e4rten. Der innere L\u00e4rm der geh\u00f6rlosen Hanna als elektronische Zuspielungen unterbricht immer wieder die Handlung, verschwindet dabei das formidabel musizierende, an den Seiten in Containern sitzende Frankfurter Ensemble Modern schlagartig hinter Jalousien, um danach genauso fix wieder aufgetaucht weiterzuspielen. W\u00e4hrend das Traumata-Paar Hanna (Laura Tatulescu) und Joseph (Holger Falk) anfangs von wenigen Wutausbr\u00fcchen abgesehen nur abgehackte Silben singt, braust die Musik in tonalen Dreitondrehungen in einem irren Klangplasma hinauf und hinab, m\u00fcssen die anderen S\u00e4nger mehr schreien als singen. Vokale Ruhe leistet sich nur die \u00c4rztin Inge (Okka von der Damerau).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach&nbsp;dem Anfangscrash erm\u00fcdeten die Klangwellen, wurde die textlich klug reduzierte Handlung zur Sitzfleischpr\u00fcfung. Sorgte auch der Zahlen singende Wellenz\u00e4hler (gro\u00dfartig Tareq Nazmi!) f\u00fcr Erheiterung, so sinnierte man selbst \u00fcber die \u00c4hnlichkeit von weissen Binden und rotem Schorf der Brandwunden Josephs mit dem Parmesan und Tomatensossen des stimmakrobatisch agierenden Koch-Tenors (Kevin Conners). Erst gegen Ende, wenn das nervige Auf und Ab reduziert wurde, schlie\u00dflich ganz schwieg, ging das Konzept Srnkas auf. Hanna und Joseph sangen endlich in einfachen in sich kreisenden, an Sciarrino erinnernden Koloraturen, die sich endg\u00fcltig in kinderliedartige Intervalle aufl\u00f6sten. Eine lebensechte Geschichte endet als M\u00e4rchen! Im Gegensatz zur Premiere verliess niemand den Saal, dauerte der Applaus geschlagene f\u00fcnf Minuten, wenn auch nur wenige Bravi.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So&nbsp;zeigte die Staatsoper, was sie mit ihrem Riesenapparat grandios k\u00f6nnte, w\u00fcrde sie mehr neues Musiktheater wagen und damit nicht nur i-T\u00fcpfelchen in ihrem Saisonprogramm setzen, gerade wenn sie so sparsam ausstatten und inszenieren lie\u00df wie hier. Wenn Bachlers Haus demn\u00e4chst mit Kusejs Residenztheater den Marstall als Experimentalb\u00fchne reaktiviert, sind solche neuen Kammeropern auch ohne Festival- und Stararchitektenzelttamtam m\u00f6glich! Dagegen bewies das Adevantgarde-Festival mehr Risikobereitschaft, brachte auch diese M\u00e4rchenoper das Team an seine physischen wie finanziellen Grenzen. Immerhin war der jetzt scheidende Leiter der kooperierenden Musikhochschul-Regieklasse \u2013 Cornel Franz \u2013 beizeiten Leiter der modernen Staatsopernexperimente unter Peter Jonas auch im Marstall. W\u00e4re zuk\u00fcnftig nicht eine Kooperation zwischen Staatsoper und Adevantgarde denkbar? Oder w\u00e4re es besser, wenn Adevantgarde sich nicht auf Kinderopern beschr\u00e4nkt, sondern mit ihren Mitteln wirkliche \u201earte povera\u201c menschlicher Schicksale in Musik und Szene setzt?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alexander&nbsp;Strauch<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alles&nbsp;neu macht der Mai \u2013 falsch! Dieses Jahr war es der Juni, der mit zwei Opernurauff\u00fchrungen protzte. 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