{"id":64,"date":"2011-05-21T14:17:00","date_gmt":"2011-05-21T14:17:00","guid":{"rendered":"https:\/\/strauchcomposer.de\/?p=64"},"modified":"2022-02-01T15:07:30","modified_gmt":"2022-02-01T15:07:30","slug":"zweimal-klaviertrios-klangspuren-bayeriche-akademie-der-schoenen-kuenste","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/strauchcomposer.de\/index.php\/2011\/05\/21\/zweimal-klaviertrios-klangspuren-bayeriche-akademie-der-schoenen-kuenste\/","title":{"rendered":"Zweimal Klaviertrios: Klangspuren &#038; Bayeriche Akademie der Sch\u00f6nen K\u00fcnste"},"content":{"rendered":"\n<p>Zwei&nbsp;Konzerte mit Klavier-Trios und Quartetten zeitgen\u00f6ssischer M\u00fcnchener Komponisten: zuerst die M\u00fcnchener Biennale mit den \u201eKlangspuren\u201c Urauff\u00fchrungen der Autodidakten Christoph Reiserer und Gunnar Geisse in der Black Box des Gasteigs, tags darauf die Bayerische Akademie der Sch\u00f6nen K\u00fcnste mit neuen Werken beider hochschulisch ausgebildeten Fredrik Schwenk und Volker Nickel.<\/p>\n\n\n\n<p>Soll&nbsp;man kleingehalten von neuer Musik oder doch epochenbezogen gro\u00dfgeschrieben von Neuer Musik sprechen? Stockhausen, Kagel, Cage, Nono und Ligeti sind l\u00e4ngst gestorben, Boulez wie Henze sind hochdekorierte Altmeister. Neue Musik als B\u00fcrgerschreck oder als Filzlaus im Fell der klassischen Musik \u2013 wie Lachenmann, auch im Ruhestand, vor vielen Jahren sagte? Zwar zeigen sich immer noch manche Abonnenten t\u00fcrschlagend von ihrer unsch\u00f6nen Seite, wenn Sch\u00f6nberg erklingt. Dies wirkt doch heute als einge\u00fcbte hochkulturelle Verhaltensweise wie standing ovations nach Mahler oder Bruckner. Neue Musik ist sozusagen als Schattenseite der Klassikindustrie l\u00e4ngst von ihr aufgesogen worden. So ist es immer paradox, wie neue\/Neue Musik in der Klassik verwurzelt bleibt, egal ob sie sich akademisch, experimentell oder rockig gibt. Sie zieht zwar auch einige Interessierte der anderen Lager an, insgesamt bleibt man zur Zeit noch unter sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies&nbsp;sah man geradezu paradigmatisch an den beiden Abenden: zwischen sechzig und achtzig Besuchern z\u00e4hlte man, davon nur weniger als die H\u00e4lfte bestimmt \u00fcber f\u00fcnfzig Jahre alt, knapp ein Achtel konnte mit mehrheitlich \u00fcber dreissig Jahren als \u201ejung\u201c bezeichnet werden. An den Preisen konnte es nicht liegen: die Klangspuren der Biennale kosten zwischen sieben und zehn Euro, die Akademie ist kostenlos, gibt nach der Veranstaltung einen bescheidenen Empfang. Beide Reihen sind mehrere Jahrzehnte alt, also eigentlich etabliert. Beide findet man im Internet, die Biennale hat sogar einen bescheidenen Facebook-Auftritt. Komischerweise wies da die Spielart-Seite auf das Konzert hin. So werden die neuen Netzwerke str\u00e4flich links liegen gelassen, gibt es keine Kooperation mit der Volkshochschule, versucht man keine Studenten zu begeistern, Musiksch\u00fcler und Musikgymnasiasten \u2013 ebenfalls Fehlanzeige.<\/p>\n\n\n\n<p>Es&nbsp;handelt sich nicht um Ausprobierb\u00fchnen, die als Slams meist mehr Besucher vorzeigen k\u00f6nnen. Nein, es werden veritable Auftr\u00e4ge aus Steuer- und Stiftungsmitteln an Komponisten vergeben, die dann im Verborgenen uraufgef\u00fchrt werden. Selbst wenn an beiden Abenden parallel Thielemann den soft-modernen Rihm mit der Saal-voll-Garantie Mahler paart, hat der Gro\u00dfraum M\u00fcnchen laut Wikipedia 2,6 Millionen Bewohner, welche die beiden anderen Konzerte problemlos erreichen k\u00f6nnten, so dass da noch ein gro\u00dfer Schatz zu heben ist, denkt man an die gar nicht so schlecht besuchten Orchesterkonzerte der Musica Viva des Bayerischen Rundfunks. Oder sollte dies nur das Feigenblatt jenes Senders f\u00fcr Neue Musik sein, statt seiner Verantwortung als Multiplikator nachzukommen? Denkt man an K\u00f6ln oder Frankfurt am Main, werden dort sogar Hochschulklassenabende aufgezeichnet und gesendet.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer&nbsp;den Klangspurenabend verpasste, lie\u00df sich eine Konzertkomposition im wahrsten Sinne entgehen. Christoph Reiserer suchte die St\u00fccke des Abends aus, w\u00e4hrend dem ihn immer wieder Siegfried Mauser zu den St\u00fccken interviewte. Reiserer verband das Schubertsche Original-Adagio in Es-Dur f\u00fcr Klaviertrio mit seiner sogenannten \u201ezeitgem\u00e4\u00dfen Bearbeitung\u201c, spiegelte und verlegte den Ba\u00df in den Sopran und umgekehrt: tiefe Schwere zu hoher Leichtigkeit, Dur zu Moll, das Klavier in Cello und Geige. Schubert klang um hundert Jahre gesch\u00e4rft wie ein Zeitgenosse Ravels und Pfitzners. Reiserers eigenes \u201eKlaviertrio\u201c war eines ohne Pianist, nur mit den beiden Streichinstrumenten und einem Computer, der aus den Frequenzen Liveinstrumente einen Klaviersound karikierend schuf: endlich einmal dominierten die kleinen Partner den Tastenriesen, zwangen ihn zu Kleinstintervallen, die es auf ihm gar nicht gibt. Das Experiment gelang am \u00fcberzeugendsten, wenn die Streicher ebenfalls mikrointervallige Gestalten spielten. Zuvor gab es noch ein fr\u00fches Klarinetten-Cello-Klavier-Trio der russischen Urkraft-Komponistin Galina Ustwolskaya, was ihre sp\u00e4teren Klanggewalten kaum erahnen lie\u00df. Alle Musiker (Sachiko Hara, Mathis Mayr, Heinz Friedl, Michaela Buchholz, Gunnar Geisse) trafen sich in Cages bezauberndem \u201eFive\u201c. In der Mitte hatte Gunnar Geisse seinen Platz, den ihm nobel Reiserer in seinem Konzert einr\u00e4umte, an der Laptop-Gitarre mit \u201eThe Day Rauschenberg met De Kooning\u201c. Ganz im Sinne der \u00dcbermalung des einen eines Bilds des Anderen sampelte, ja klaute Geisse sein Material aus Schnipseln anderer Werke zusammen, brachte sie in drei Jahren Arbeit in eine neue Lebendigkeit, \u00fcbert\u00f6nte sie mit seiner eigenen Ausgestaltung. Es entstand ein vielgestaltiges, sehr komplexes Schnittwerk, das von ihm hochmusikalisch mit feinen melodischen Linien gespielt worden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies&nbsp;gelang \u00e4hnlich intensiv am n\u00e4chsten Akademie-Abend dem Cellisten Niklas Schmidt in Fredrik Schwenks \u201eAbgesang\u201c, einer Sarabande, ein traditionelles langsames Satzmuster z.B. in Suiten von Joh. Seb. Bach, und ihren Variationen. Aus den leeren Saiten des Cellos kroch eine herbe Melodik hervor, die sich immer wieder in lichte Kl\u00e4nge aufl\u00f6ste. Dies war der Epilog zu dem zuvor ebenfalls uraufgef\u00fchrten \u201eZweiten Klaviertrio\u201c. Ganz klassisch hatte es drei S\u00e4tze. Der erste als motorischer Dialog zwischen Streichern und Klavier, der zweite als ausgeh\u00f6rte Studie von wenigen T\u00f6nen als Linie und Klang. Im knappen Rauswurf-Finale boten Andreas und Anna Skouras an Klavier und Geige sowie Johannes Gutfleisch am Cello alle Kr\u00e4fte auf: in wenigen Anl\u00e4ufen rasten sie in Tonleitern nach oben, um sich heftig in den h\u00f6chsten T\u00f6nen ihrer Instrumente zu verfangen, als m\u00fcsste das eben Gespielte hartn\u00e4ckig wiederholt werden, wie wenn man von Worten doch zu F\u00e4usten \u00fcbergeht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch&nbsp;unterhielt sich im Anschluss daran Moritz Eggert, der den Abend moderierte, freundschaftlich mit Fredrik Schwenk und Volker Nickel \u00fcber deren Urauff\u00fchrungen. Schwenk, Killmayer-Sch\u00fcler wie Eggert, ist Professor f\u00fcr Komposition an der Hamburger Musikhochschule. Erfrischend konstatierte er, dass er trotz seines immensen theoretischen Wissens, das f\u00f6rmlich in der kurzen Gespr\u00e4chsdauer aus ihm heraussprudelte, heute wieder mehr seiner Intuition vertraut als auf Konzepte baut. Dagegen sprach Volker Nickel von der Wichtigkeit des Arno-Schmidtschen-Zettelkastenprinzips f\u00fcr seine diskontinuierliche Zeitgestaltung und musikalische Schnitttechnik und seine gro\u00dfe Verehrung des Kontrapunkts.<\/p>\n\n\n\n<p>Das&nbsp;Klaviertrio erweiterte sich mit dem wunderbaren Bratscher Chia-Long Tsai zum Quartett f\u00fcr Nickels \u201eDas Fliegenschleichen die kleine Seele\u201c, eine Assoziation auf K\u00fcchenfliegen wie einen kleinen Kafkatext. Aus einem schlichten Dur-Terz-Beginn entwichen tats\u00e4chlich polyphone Gestalten, die in den ersten beiden S\u00e4tzen davonfliegen wollten, sich streng aus dem vorangehenden Material sch\u00e4lten, eine Abfolge kleiner und gro\u00dfer Imitationen, in verschiedenen Pulsen. Dies verwies auf Diskontinuit\u00e4t, blieb aber schnittfrei, war permanent sehr dicht und gab keinen Raum f\u00fcr h\u00f6rende Erholung. Der letzte Satz war eine waschechte Fuge, die \u00e4hnlich wie Schwenks Finale drauflos st\u00fcrmte, dann l\u00e4nger in mittleren H\u00f6hen verweilte, die Themen wie Fliegen immer n\u00e4her an die s\u00fc\u00dfe, klebrige Frucht lockte, eine romantisch-fl\u00e4chige Allusion, und endlich nach einer gef\u00fchlten dreis\u00e4tzigen Ewigkeit den Druck aus dem Kessel lie\u00df. W\u00e4re zuvor mal etwas Ruhe riskiert worden, h\u00e4tte man noch mehr Fliegen einfangen k\u00f6nnen. So zeigte sich kompositorisch hohes Handwerk, dem allerdings manche schwenksche Intuition gut gestanden h\u00e4tte, um das dramaturgische Mikro- wie Makroklima effektvoller zu gestalten. Zwar h\u00e4tten sich die beiden Do-It-Yourself-Komponisten Reiserer und Geisse unendlich viele Kniffe bei Schwenk und Nickel abschauen k\u00f6nnen, doch lag auch der Paradeakademiker Schwenk ganz richtig, nach den bald dreissig Jahren technischer Vervollkommnung, mit neuer Gelassenheit seinem Bauch zu folgen. Vielleicht ist dies der K\u00f6nigsweg neben all der PR und sozialen Netzwerken, um ein klein wenig mehr Menschen f\u00fcr lebende alias lebendige Musik zu begeistern. Momentan stehen sich aber die Veranstaltungen und die dort gespielte Musik, egal ob \u201eNeu\u201c oder \u201eneu\u201c, zu oft selbst im Wege.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei&nbsp;Konzerte mit Klavier-Trios und Quartetten zeitgen\u00f6ssischer M\u00fcnchener Komponisten: zuerst die M\u00fcnchener Biennale mit den \u201eKlangspuren\u201c Urauff\u00fchrungen der Autodidakten Christoph Reiserer und Gunnar Geisse in der Black Box des Gasteigs, tags darauf die Bayerische Akademie der Sch\u00f6nen K\u00fcnste mit neuen Werken beider hochschulisch ausgebildeten Fredrik Schwenk und Volker Nickel. 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