{"id":56,"date":"2011-01-17T14:01:00","date_gmt":"2011-01-17T14:01:00","guid":{"rendered":"https:\/\/strauchcomposer.de\/?p=56"},"modified":"2022-02-01T15:07:58","modified_gmt":"2022-02-01T15:07:58","slug":"fuer-die-ewigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/strauchcomposer.de\/index.php\/2011\/01\/17\/fuer-die-ewigkeit\/","title":{"rendered":"F\u00fcr die Ewigkeit?"},"content":{"rendered":"\n<p>Wie war das nochmals: &#8222;aus der Dunkelheit ans Licht&#8220;, &#8222;das Unbeschreibliche, hier wird&#8217;s getan&#8220;, &#8222;zum Augenblicke d\u00fcrft&#8216; ich sagen: Verweile doch! Du bist so sch\u00f6n!&#8220;. Das klingt Alles nach h\u00f6heren Dingen, die unendlich lange Bestand haben werden. Besser gesagt: haben sollen. Wer kennt schon die Ewigkeit, um \u00fcber sie wirklich eine Aussage wagen zu k\u00f6nnen. Ohne Hokospokus oder religi\u00f6se Transzendenz und deren Glaubensgewissheit scheint das Ewige f\u00fcr das Diesseits ein unbrauchbares Konzept zu sein. Aber ist nicht alle Kunst f\u00fcr eine lange Zeit ausgerichtet, werden heute nicht schon wertvolle Schokoladenskulpturen professionell restauriert, obwohl sie doch in ihrem Zerfall ein Sinnbild f\u00fcr das Konzept des Ewigen sein soll? Da prallen zwei Konzepte von Zeit aufeinander, Sakrileg m\u00fcsste der Erschaffer der Schokolade schreien, oder sie sich schnell vor den Handschuhen des Restaurators oder Galeristen oral einverleiben, zum Schmelzen bringen, etc. Das nimmt sich noch witzig aus!&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im klassischen Musikleben wird es richtig bizarr. Schrieb man vor dem 19. Jahrhundert zwar mehrheitlich zu Ehren des ewigen Gottes, war die Musik selbst alles andere als auf ewigen Bestand angelegt. Die Besetzungen waren im Fr\u00fchbarock immer von den Gegebenheiten vor Ort abh\u00e4ngig, ein Grossteil des Materials wurde sowieso von d\u00fcnnen Notaten ausgehend improvisiert, das war sogar die Grundlage der kompositorischen Ausbildung. Teile eines Werkes wurden just in andere St\u00fccke eingebaut, man schrieb neue Teile f\u00fcr Werke fremder Kollegen, da deren nicht mal f\u00fcnfj\u00e4hrige Komposition schon als veraltet galt. Nat\u00fcrlich entwickelten sich die Instrumente, man fixierte langsam die Partituren genauer als Ergebnis der neuen Klangm\u00f6glichkeiten und Schreibstile. Das Ziel war aber immer eine bestimmte Auff\u00fchrung, die f\u00fcr einen bestimmten Zweck des b\u00fcrgerlichen, geistlichen und h\u00f6fischen Lebens gedacht war, im Auge immer eine Lebendigkeit als oberste Notwendigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Als H\u00f6fe und Religion durch Revolution und nationale Gebietskonsolidierungen allm\u00e4hlich zu Luftschl\u00f6ssern wurden, blieb als Zweck musikalischen Schaffens das b\u00fcrgerliche Leben \u00fcbrig. Das befand sich in der ersten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts im Aufbruch, erkannte seine M\u00f6glichkeiten, verlangte nach politischen Einfluss, pflegte, wenn jener verwehrt blieb, die Kultur des Salons. So lebendig und schwierig das historische Hin und Her, so lebendig blieb das Musikleben. Instrumente wurden weiterentwickelt, die Formen immer grossdimensionierter. Die Komponisten schrieben nun nicht mehr f\u00fcr den Ewigen und seine von Gott Gesalbten. Sie schrieben f\u00fcr die b\u00fcrgerliche Gesellschaft, der Hofcompositeur wurde zum Komponisten, wurde eine Art Traumberuf. Pl\u00f6tzlich galt allein seine k\u00fcnstlerische Idee als Massstab, das B\u00fcrgertum unterwarf sich seiner Kunst in den neuen, grossen Konzerts\u00e4len und Opernh\u00e4usern. Es entstand letztlich die heutige musikalische Konzert- und Musiktheaterinfrastruktur, die eigentlich nur durch das Radio und dessen Klangk\u00f6rper erweitert worden ist.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Verk\u00fcrzt k\u00f6nnte man behaupten, da\u00df mit dem Verlust der Musik f\u00fcr die ehemaligen Herrscher der Zweck von komponierter Musik als Dienerin sich allm\u00e4hlich zum Selbstzweck und Herrscherin des gehobenen b\u00fcrgerlichen Lebens entwickelte. Wer es sich leisten konnte, investierte in die muskalische Bildung seiner Kinder wie in deren schulische. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es jenseits von Zithermusik f\u00fcr Arbeiter als &#8222;Klavier des einfachen Mannes&#8220; in grossen Betrieben Werksorchester- und Ch\u00f6re, die den \u00e4rmeren B\u00fcrger genauso mit klassischer Musik versorgte wie Staats- udn Stadttheater vollkommen selbstverst\u00e4ndlich am Wochende Matineen, Nachmittags- und Abendvorstellungen veranstalteten, um mit der Versorgung mithalten zu k\u00f6nnen. Arbeiterch\u00f6re und Arbeiterorchester erreichten in den Zwanziger Jahren ein unglaublich hohes Niveau, wie z.B. das mit Beitr\u00e4gen Anton von Weberns Gesangsbuch der Wiener Arbeiterch\u00f6re demonstriert, genauso die damals entstehenden Volkshochschulen f\u00fcr die leistungsschw\u00e4cheren B\u00fcrger. Der musikalische Selbstzweck und die Unterwerfung darunter erfasste weite Teile der Gesellschaft vieler Schichten, tiefer, als man es heute ungebildeteren, \u00e4rmeren Menschen zutrauen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Komponist schuf so weithin bewunderte Werke, eine ganze Verlagsindustrie befasste sich mit der Verbreitung in Prachtausgaben, die an alte Bibelfolianten des Mittelalters denken lassen. Wie fr\u00fcher das Wort f\u00fcr die Ewigkeit gelten sollte, traf es nun auf die T\u00f6ne zu. Die unglaubliche gewachsene Anzahl an Aus\u00fcbenden und H\u00f6rern verhiess ewiges Wachstum, Fortschritt, \u00e4hnlich, wie es auch Kapitalismus und Sozialismus verhiessen. So wundert es auch kaum, wie dann nach dem 1. Weltkrieg Sozialismus und Kommunismus neben allen anderen K\u00fcnsten auch besonders die klassische Musik und deren Komponisten unter ihre Fittiche nahmen, unter ihrer Knute die Massenm\u00f6glichkeiten f\u00fcr ihre Unterdr\u00fcckungs- und Vernichtungspolitik einsetzten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem 2. Weltkrieg hatte nat\u00fcrlich kein ernsthafter Komponist mehr Lust, sich von der Politik vereinnahmen zu lassen. Genauso schwand im Publikum die Begeisterung f\u00fcr die ehemals freiwillig eingesogene Klassik, die nun als regimeabh\u00e4ngig staatlich verordnet wahrgenommen wurde bzw. sich diese Auffassung bis heute allm\u00e4hlich Bahn brach. Die gewachsenen Strukturen der Zwanziger Jahre wurden nicht mehr erreicht, z.B. schwand das Repertoireniveau der Arbeiterch\u00f6re, welches 1930 sogar Atonales umfasste. Es blieben die Volkshochschulen, die in grossen St\u00e4dten heute immer noch viel f\u00fcr die Vermittlung der klassischen Musik leisten, die Neue Musik der Nachkriegszeit allerdings schnell Kochkursen oder dem Integrationskursauftrag opfern, nat\u00fcrlich auch wirklich wenig Interessenten daf\u00fcr finden, da sich die heutige H\u00f6rerschaft aus generell sehr gut vorausgebildeten Menschen zusammensetzt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wie die Musikaus\u00fcbung aktueller Musik, trotz entsprechender Neue-Musik-Kategorien bei Jugend musiziert, allm\u00e4hlich wegbricht, das Publikum gerade noch f\u00fcr Klassik und Romantik breiter zu gewinnen bzw. zu halten ist, trotz gewisser Unlust, schliessen und fusionieren Theater und Orchester. Es kamen zwischen 1945 und 1950 zwar m\u00e4chtige Rundfunkanstalten dazu, die die nun erstmals eigentlich wirklich von politischen Erwartungen und Verg\u00f6tterung durch das B\u00fcrgertum freien Komponisten f\u00f6rderten. Das hat allerdings bis heute auch schleichend abgenommen. Die Probleme Stockhausens am WDR f\u00fcr Neue Musik in den Redaktionshirnen sind heute die gleichen und versch\u00e4rft durch die Streichkonzerte, die nun auch den Rundfunk erfasst haben. Ganz zu schweigen von den Finanzmittelr\u00fcckgaben an die Geb\u00fchrenzahler, die nach der neuen Haushaltspauschale in den n\u00e4chsten Jahre drohen. Das wird den Konsolidierungszwang noch st\u00e4rker sp\u00fcrbar auf die Insel der seligen Komponisten verst\u00e4rken. Die Verlage unternehmen heute nicht mehr eigentlich als Notenausdrucken f\u00fcr die Komponisten, das Material ihrer Werke bereits selbst finanzieren m\u00fcssen. Es gibt l\u00f6bliche Ausnahmen, ansonsten sieht es schwierig aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ist die Gewissheit einer Ewigkeit der eigenen Bastionen endg\u00fcltig ins Schwanken gekommen. Wie wunderbar &#8211; oder doch eher wunderlich &#8211;&nbsp; wirken Kollegen, die immer noch von Hand schreiben, ihre Skizzen und Vorlagen wohlgeordnet archivieren. Da kann ich nur sagen: schmeisst Eure Skizzen weg, macht Euch leicht! Es gen\u00fcgen die schweren Partituren. Denn wenn nach Eurem Hinscheiden doch ein Teil Eurer Musik \u00fcberleben sollte, wird die Musikwissenschaft und die verbleibende Musikindustrie Euch solange in Urtexten vorlegen, bis von Eurer Partitur vor lauter neuen in den Skizzen aufgefundenen Alternativen keine Klarheit mehr bleibt, die Klarheit, lebendig und mobil mit Eurer Musik umzugehen, wie Ihr es jetzt hoffentlich schon selbst macht. Jetzt blockiert das Urheberrecht ja schon manche eigene Selbstauff\u00fchrung oder Inspiration durch die Kollegenschaft. Wie wird es dann sp\u00e4ter aussehen, wenn jede neue Skizze das Urheberrecht der posthumen Herausgeber verl\u00e4ngert? Sichert die Einnahmen f\u00fcr Eure potentiellen geliebten Hinterbliebenen. Ansonsten gibt es keine weitere Ewigkeit, zumindest diese alte B\u00fcrgerliche!<\/p>\n\n\n\n<p>Antworten f\u00fcr eine neue Zeit der Seligen, wie kurz dieses Zeitalter auch nur sein mag, vielleicht nur ein \u00dcbergang, ist fast unm\u00f6glich. Wichtig aber ist, weg von der Sakrosanz des Notats und der Institutionen zu kommen, die es f\u00fcrderten und bedingten, jetzt aber immer auftragsunwilliger werden. Es braucht neue, anarchische Zusammenk\u00fcnfte, jenseits der guten Absichten des erneuerten Darmstadts! Dazu k\u00f6nnte nun tas\u00e4chlich das Internet taugen als Plattform der Vernetzung, der leibhaftigen folgenden Verabredung. Man plant zusammen im Netz, man arbeitet in Zusammenk\u00fcnften live weiter, es z\u00e4hlt der Moment der Begegnung, des Ortes und der anwesenden musikalischen Ressourcen. Ja, warum nicht selbst singen, mit allen Un-Arten von Instrumente spielen, mit Smartphone-Instrumenten-Apps. Konzerte, deren Ablauf genauso von den an- oder abwesenden K\u00fcnstlern abh\u00e4ngt, Werke die dann mal so oder ganz anders aussehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aktuell gibt es ja schon viele Anstrengungen \u00fcber das Internet das Urheberrecht, die Noten- und Musikverbreitung, die Begegnung aufzuweichen, neu zu modellieren. Wenn man nun allerdings gerade so \u00fcber die Internetseiten der besonders technickaffinen Kollegen streift, st\u00f6sst man gerade dort immer wieder auf Partituren, die extrem lange Anweisungen beinhalten, lange Probenzeiten ben\u00f6tigen, in ihrer Fixierung immer noch von der alten Ewigkeitsidee k\u00fcnden. Am mobilsten wirken die Partituren der Konzeptkomponisten, der Leute, die eher aus der Bildenden Kunst zur Musik kamen. Das verspricht durchaus Neues, wirkt nat\u00fcrlich f\u00fcr einen akademisch Ausgebildeten wie mich, z.B. in der Tonh\u00f6henbehandlung, arg befremdlich. So lasst uns doch unsere Noten mobiler bekommen, neue Bestzungen fixieren oder bewusst offenhalten. Und uns selbst wieder mehr auf die B\u00fchne bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist doch immer noch m\u00f6glich, auch als Musikschaffender Menschen zu begeistern. Dass die Menschen uns eigentlich wollen und eine neue Art der Musik, zeigt doch jedes Konzert mit nicht-klassischer Musik, wo die Auftretenden begeistert begr\u00fcsst werden, das Publikum mitgeht, mitlebt, wie zu Zeiten des beginnenden 19. Jahrhunderts.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>So denke ich an eine Musik, die bewegt und bewegt wird, ganz durch Menschen f\u00fcr Menschen. Eine Musik, die wach und ver\u00e4nderlich ist und dadurch Andere ver\u00e4ndert, die nicht nur die eigenen Laute kennt, die auch die Laute der Zuh\u00f6rer erfasst, im richtigen Moment Tausend verstummen, lauschen l\u00e4sst, dann wieder alles mitsingen l\u00e4sst. Wie eben damals in der s\u00e4chsischen Provinz, als Weber seinen Freisch\u00fctz auff\u00fchrte, den Chor vermisste. Das Publikum verfolgte aufmerksam und leise die Solisten. Im Moment des J\u00e4gerchores fing allerdings der gesamte Saal zu singen an, so bedurfte es keines Chores. Das Stichwort w\u00e4re also nicht Neue Musik sondern mobile, bewegte, bewegende Musik, ewige Kl\u00e4nge f\u00fcr ein Hier und Jetzt, so ver\u00e4nderlich, wie sich die Welt selbst seit ihrem Bestehen \u00e4ndert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie war das nochmals: &#8222;aus der Dunkelheit ans Licht&#8220;, &#8222;das Unbeschreibliche, hier wird&#8217;s getan&#8220;, &#8222;zum Augenblicke d\u00fcrft&#8216; ich sagen: Verweile doch! Du bist so sch\u00f6n!&#8220;. Das klingt Alles nach h\u00f6heren Dingen, die unendlich lange Bestand haben werden. Besser gesagt: haben sollen. Wer kennt schon die Ewigkeit, um \u00fcber sie wirklich eine Aussage wagen zu k\u00f6nnen. 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